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Alfred Grosser: "Niemand will 'raus aus Europa, aber alle schimpfen"

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Alfred Grosser: "Niemand will 'raus aus Europa, aber alle schimpfen"

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“Ich wollte immer mehr Europa” so könnte das Leitmotiv des deutsch-französischen Poltikwissenschaftlers und Schriftstellers Alfred Grosser lauten. Er wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren, lebt aber seit den dreißiger Jahren in Frankreich. Er setzt sich in seinen Werken sowie bei Reisen und Vorträgen für die deutsch-französische Verständigung ein und gilt als einer der intellektuellen Wegbereiter des Elysée-Vertrags. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen – u.a. den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. euronews hat Alfred Grosser über die Wirtschaftskrise und über Europa befragt. Das Gespräch führte Rudolf Herbert

euronews:
“Herr Grosser, Europa ist dabei zu versinken? Haben Sie Ihr Rettungsboot vorbereitet?”

Alfred Grosser:
“Ich habe noch kein Rettungsboot, aber es könnte in der Tat zu einer Katastrophe kommen, denn es gibt eine Art Dominoeffekt. Viele Länder haben schreckliche Defizite. Diese Haushaltslöcher kann man nicht wirklich in den Griff bekommen, ohne das Wachstum zu verlangsamen, dabei benötigt man Wachstum, um das Defizit zu verringern. Es ist also ein Teufelskreis.

Das Gute an der ganzen Sache ist, dass die Europäer vielleicht entdecken werden, dass es nicht möglich ist, eine gemeinsame Währung zu haben, ohne ein Minimum an Kontrolle über die Haushalte und Steuern auszuüben.”

euronews:
“Den Analysten zufolge ist es nur der Beginn der Krise. Gibt es politische Gründe für diese Krise?”

Alfred Grosser:
“Erstens haben sich die Analysten ständig geirrt. Vielleicht liegen sie also auch diesmal falsch. Niemand hat etwa die Griechenland-Krise vorhergesehen. Niemand hat erwartet, dass es so schlimm sein würde. Also irren sie sich vielleicht, denn die Experten behaupten zwar, dass sie die Wissenschaft auf ihrer Seite haben, aber das ist nicht der Fall.

Meiner Ansicht nach ist einer der politischen Gründe für die Krise das Fehlen eines koordinierten Europas, mit einer zentralen Autorität für Wirtschaft und Haushalt.

1954 war ich gegen eine europäische Verteidigungsgemeinschaft. Einer meiner Gründe war: ‘Was bringt eine gemeinsame Armee ohne eine politische Autorität, wer würde die Befehle geben?’ Als der Euro erschaffen wurde, habe ich geschrieben: ‘Das ist sehr gut. Ich bin für den Euro, aber was bringt eine gemeinsame Währung ohne eine politische Autorität, die darüber verfügt und eine gemeinsame Haushalts- und Steuerpolitik entwirft?’”

euronews:
“Gerät das politische Projekt in den Schatten? Bleibt ein politisches, starkes, ein geeintes Europa eine Utopie?”

Alfred Grosser:
“Es ist keine Utopie, es ist eine Notwendigkeit. Das Schlimme ist, dass niemand diese Notwendigkeit eigentlich erkennen will. Das hat mit Frankreich angefangen, das 1953 NEIN gesagt hat zu einem politisch organisierten Europa. Deswegen scheiterte auch später die Verteidigungsgemeinschaft. Und selbst heute gibt es noch eine negative französische Einstellung. Georges Pompidou hat einmal als französischer Premierminister 1964 gesagt: ‘Frankreich muss die Rolle Europas spielen’, nicht ‘eine Rolle in Europa’, sondern ‘die Rolle Europas soll Frankreich spielen’. Diese französische Überheblichkeit ist eine der Ursachen der Krise.”

euronews:
“Wo liegen die Gefahren für das politische Europa?”

Alfred Grosser:
“Ich sehe keine Gefahr – außer, dass die nationalen Eitelkeiten überwunden werden müssen.”

euronews:
“Herr Grosser, wo wird überhaupt Europapolitik gemacht? In Brüssel oder in Paris und Berlin?”

Alfred Grosser:
“Weder noch: Paris und Berlin versuchen einstimmig zu sein, um Druck auf Europa zu machen. Und wo die Macht in Europa liegt, das ist nach dem Lissabon-Vertrag noch schwieriger geworden, weil niemand weiß, wo zum Beispiel europäische Außenpolitik gemacht werden soll: Macht das der Präsident der Kommission? Macht das die neue Außenministerin, die Vize-Präsidentin der Kommission ist? Macht das der Präsident des Rates? Und sie stören sich sehr viel gegenseitig. Dabei weiß man gar nicht, was eine gemeinsame europäische Außenpolitik sein soll.”

euronews:
“Genügt der Lissabon-Vertrag, als Fahrplan für die Zukunft Europas?”

Alfred Grosser:
“Ich glaube, es ist ein guter Schritt, und der Zwang der Krise und der Ereignisse wird vielleicht die Regierungen – vielleicht sogar die französische und die deutsche – dazu führen, dass sie sagen: “Wir brauchen ein integrierteres Europa mit mehr zentraler Macht.”“

euronews:
“Wie beurteilen Sie die europäischen Institutionen?”

Alfred Grosser:
“Das Parlament arbeitet gut, es hat viele Sachen gemacht, hat immer mehr Verantwortung und es ist schade, dass man nicht weiß – in Deutschland ein bisschen mehr als in Frankreich -, dass dieses Parlament eine demokratisch gewählte Institution ist. Die Kommission arbeitet besser, als man befürchtet hat mit allen neuen Staaten. Leider ist das alte System geblieben, dass jede Regierung ihren Kommissar ernennt und nicht, dass der Präsident der Kommission gute Leute ernennt, weil sie fähig sind und nicht wegen ihrer Nationalität.”

euronews:
“Was halten Sie von dem ständigen Präsidenten Europas? Hat er genug Macht? Ist er stark genug?”

Alfred Grosser:
“Nein, seine Macht genügt ihm überhaupt nicht. Aber er macht es bis jetzt gut. Die Außenministerin Catherine Ashton hat es schwieriger, sie muss sich erst einmal einarbeiten, sie muss noch etwas mehr von den Dingen wissen, über die sie bestimmen soll. Und sie bekommt eine enorme Verwaltung, eine viel zu große Verwaltung, mit Vertretungen überall. Man streitet sich schon mit dem Präsidenten der Kommission, dem Präsidenten des Rates und der Ministerin, wer Europa eigentlich im Ausland vertreten, wer eigentlich Europas Botschaft sein soll. Da herrscht noch eine gewisse Unordnung. Aber ich glaube, dass der Präsident glücklich ist, nicht mehr Ministerpräsident Belgiens zu sein, was heute noch viel schwieriger ist, als in Europa etwas zu erreichen. Und er macht es nüchtern, ruhig und gut.”

euronews:
“Muss Europa größer werden oder etwas kleiner?”

Alfred Grosser:
“Kleiner gewiss nicht. Und niemand will raus. Es war von Anfang an so: man schimpft auf Europa, aber überall möchte man zu Europa stoßen. Es gibt sehr schwierige Fragen, für mich ist die Türkei keine schwierige Frage. Man soll der Türkei sagen: ‘Macht es wie die Schweiz – alle Vorteile und nicht mitmachen. Ihr habt alle Vorteile in der Wirtschaft, aber ihr bekommt keine politische Mitverantwortung, sonst sind wir ständig in Kriegsgefahr mit dem Irak, mit dem Iran und so weiter.’ Zum Beispiel gibt es schon militärische Interventionen der Türkei in Kurdistan, in dem Teil Iraks, weil man nicht will, dass die Kurden dort unabhängig werden, aus Angst davor, was dann die türkischen Kurden tun könnten. Da soll man nicht mitmachen.”

euronews:
“Herr Grosser, Sie haben Europa immer verteidigt. Wie lautet Ihre Botschaft an die junge Generation?”

Alfred Grosser:
“Erstens habe ich Europa nie verteidigt, ich wollte Europa. Ich habe alles dafür getan. Wir sollten den jungen Leuten zeigen, was wir bereits haben. Wenn wir Robert Schumann 1950 gesagt hätten, was wir heute haben, dann wäre seine Freude groß gewesen. Es ist weniger, als wir hofften, aber es ist mehr, als wir erwarten konnten.”