Eilmeldung

Eilmeldung

Dominique Strauss-Kahn: "Ich erwarte, dass die Europäer aus der Krise lernen"

Sie lesen gerade:

Dominique Strauss-Kahn: "Ich erwarte, dass die Europäer aus der Krise lernen"

Schriftgrösse Aa Aa

Der IWF-Direktor im euronews-Interview

In den Straßen von Athen versammeln sich verzweifelte Menschen, die die Politik beschuldigen, ihr Land ruiniert zu haben. Die griechische Tragödie ist zu einer europäischen geworden, die fetten Jahre in der Eurozone sind vorbei: Früher oder später müssen die Schulden bezahlt werden. Die Märkte haben keine Gnade, ihr Motto lautet: Wer nicht bezahlen kann, hat kein Vertrauen verdient, also werden seine Anleihen und seine Währung zum Spielball.

In dieser Situation werden meist Hilferufe an den Internationalen Währungsfonds laut. Aber es gibt keine schnellen Lösungen, warnt Direktor Dominique Strauss-Kahn im Euronews-Exklusivinterview. “Die Währungskrise ist eine rein griechische Krise”, meint er. “Griechenland hat viele Probleme, ein gewaltiges Schuldenproblem und ein Problem der Wettbewerbsfähigkeit. Die Europäer und wir haben versucht, zu helfen. Ich denke, Griechenland wird seine Probleme lösen, es wird schwierig werden aber es wird funktionieren. Aber es gibt noch viele andere Staaten, die wegen der Krise mit Finanzproblemen kämpfen, nicht nur in Europa sondern auch außerhalb. Überall ist eine fiskale Konsolidierung notwendig. Wenn wir uns Europa ansehen, weil das im Moment das große Thema ist, wird klar, dass die Entscheidungen der Spanier und der Portugiesen sehr mutig sind. Sie beginnen wirklich damit, das Problem anzugehen und ich glaube, es wird ein gutes Ende haben.”

Zur Situation in Griechenland hat Strauss-Kahn noch mehr zu sagen: “Wachstum ist die Schlüsselfrage, aber warum ist es für die Griechen so schwierig, dieses Wachstum zu forcieren? Weil sie ein Problem mit ihrer Wettebwerbsfähigkeit haben. Und das bedeutet, dass ihre Produkte teurer sind als die gleichen Waren oder Dienstleistungen in anderen Ländern. Darum müssen sie Löhne kürzen. Das ist schrecklich schmerzhaft aber absolut notwendig, weil es der einzige Weg für sie ist, um ihre Produkte verkaufen zu können. Andere Länder arbeiten mit niedrigeren Kosten. Ich rede nicht von den unterentwickelten Ländern in Asien, Afrika oder Lateinamerika, sondern von den Nachbarn in der Eurozone. Die Kosten in Griechenland liegen 20 bis 25 Prozent über jenen etwa in Deutschland. Dieser Unterschied muss beseitigt werden.”

Wenn Anlagegüter keine Käufer finden oder ihr Wert sinkt, werden die Schulden drückend. Die einzige Lösung ist es, Ausgaben zu kürzen oder neue Einnahmequellen zu finden. Leicht gesagt – aber schwierig getan. “Man kann so reich sein wie Rockefeller, und trotzdem zu hohe Schulden haben”, sagt Strauss-Kahn. “Die Frage ist nicht, ob man reich oder arm ist, sondern wie hoch die Schulden im Vergleich zum Vermögen sind. Bei einem Land wie Griechenland ist der Schuldenstand zu hoch. Das liegt teilweise an Fehlern in der Vergangenheit, teilweise an der globalen Finanzkrise. Daher müssen die Griechen vieles zurückfahren. Es gibt keine andere Möglichkeit, denn sonst wird ihnen niemand noch Geld leihen.”

Politiker in Griechenland, Portugal und Spanien verlangen der Bevölkerung große Opfer ab. Die Steuerzahler, die in der Finanzkrise halfen, die Banken zu retten, müssen nun erneut einspringen, um eine Schuldenkrise in der Eurozone zu verhindern. Strauss-Kahn ist allerdings überzeugt, dass niemand Geld verlieren wird: “Die Steuerzahler werden kein Geld verlieren; einige von ihnen werden wegen der Zinsen sogar Geld verdienen. Das gleiche gilt für die Länder: Es ist das Geschäft des IWF, Geld an Staaten in Schwierigkeiten zu verleihen, aber wir haben das Geld immer zurückbekommen. Niemand wird Geld verlieren. Wir helfen den Ländern, wieder in die Spur zu kommen, aber das ist kein Geschenk, es ist eine Leihgabe und diese Leihgabe wird zurückgezahlt.” Tatsächlich sieht er die Rolle des IWF ähnlich wie jene eines Arztes: “Wir helfen Ländern, wenn sie krank sind. Gesunde Länder bitten uns nicht um Hilfe. Wir versuchen, kranken Ländern zu helfen, aber die Länder selbst müssen am meisten tun, denn wenn jemand krank ist, wird er nicht weder gesund, indem er sich nur auf die Medizin und den Arzt verlässt. Er muss sein Verhalten ändern, er muss positiv denken, er muss die Krankheit bekämpfen. Die EU ist in derselben Situation. Die Institutionen, die vor Jahren, vor zehn Jahren in der Eurozone eingerichtet wurden, sind offensichtlich in der Krise nicht stark genug. Der jüngste Vorschlag von EU-Kommissar Olli Rehn ist sehr wichtig, denn dadurch kann die Eurozone hinsichtlich der ökonomischen und fiskalen Koordination stärker werden. Wenn die Mitgliedsstaaten diesem Vorschlag folgen, dann ist das eine hilfreiche Reform, die das Funktionieren der Eurozone wirklich verbessert.”

Und zu guter Letzt kann Strauss-Kahn sogar den gegenwärtigen Schwierigkeiten etwas Gutes abgewinnen: “Die Krise hat auch ein Positivum gebracht. Die meisten europäischen Politiker, Gewerkschafter, Wirtschaftsbosse, Wissenschaftler und alle anderen verstehen jetzt, dass sie vollenden müssen, was sie mit der Einrichtung des Euro begonnen haben, wenn sie wollen, dass Europa vorankommt und die Eurozone ein Erfolg wird. Der Euro ist heute noch nicht fertig, er ist nur eine Einzelwährung aber er hat nicht das ökonomische Umfeld, das eine Einzelwährung in einer Krise überlebensfähig macht. Das beobachten wir jetzt. Ich erwarte, dass die Europäer aus der Krise lernen und die europäischen Institutionen umgestalten und verbessern.”