Eilmeldung

Eilmeldung

Multiple Sklerose - Geduld und etwas Hoffnung

Sie lesen gerade:

Multiple Sklerose - Geduld und etwas Hoffnung

Schriftgrösse Aa Aa

Multiple Sklerose – das ist für zehntausende Menschen in ganz Europa immer noch eine niederschmetternde Diagnose. Von der rätselhaften und manchmal verheerenden Krankheit gibt es keine Heilung – noch. Wissenschaftler sind unterwegs zu einem besseren Verständnis der Krankheit.

“Ich hatte Probleme mit dem Gleichgewicht. Meine Muskeln waren sehr schwach. Meine Augen schmerzten,” erinnert sich Multiple-Sklerose-Patientin Anette Hansson, “es war der Sehnerv, das weiß ich heute. Also ging ich zum Arzt. Und nach einer Weile bekam ich die Diagnose “

Claudio Conforti, MS-Patient:
“Der Neurologe sagte zu mir: “Hören Sie. Bleiben Sie jetzt ganz ruhig. Aber die Magnetresonanztomographie hat es bestätigt- Sie haben Multiple Sklerose “.

Anette Hansson:

“Rollstuhl – als erstes hatte ich sofort diesen Rollstuhl im Kopf. Das ist eine normale Reaktion auf diese Diagnose – für mich hieß MS Rollstuhl.”

Francesco Sinibaldi, MS-Patient:
“Mir geht es gut. Ich arbeite, ich kann laufen, ich habe eine Frau, zwei Kinder – ein ziemlich normales Leben. Aber im Hinterkopf ist immer diese kleine… diese kleine Unsicherheit “.

Multiple Sklerose blockiert die Fähigkeit von Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark, miteinander zu kommunizieren.

In schweren Fällen führt das zu dauerhaften Behinderungen.

Francesca Aloisi, Koordinatorin beim “Neuropromise Project”:
“Bei dieser Krankheit laufen parallel zwei Prozesse ab. Zuerst tritt eine chronische Entzündung auf, die der Patient Zeit seines Lebens nicht mehr loswird. Zur gleichen Zeit gehen Nervenzellen verloren, ein neurodegenerativer Prozess beschädigt verschiedene Komponenten des zentralen Nervensystems. Und wahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang mit dem entzündlichen Prozess.”

Forscher am italienischen Gesundheitsinstitut

koordinieren ein EU-Forschungsprojekt zur Entwicklung neuer Therapiemethoden.

Biologen versuchten erst einmal zu verstehen, welche komplexen Mechanismen die Entwicklung der Krankheit begleiten.

Analysen von geschädigtem Gewebe haben die These bestätigt, dass die Entzündungen im Nervensystem den neurodegenerativen Prozess begünstigen.

Roberta Magliozzi, Biologin am Italienischen Gesundheitsinstitut:

“Wir untersuchen zum Beispiel geschädigtes Gewebe aus dem zentralen Nervensystem. Nicht nur, dass wir die Existenz dieser sogenannten Läsionen bestätigen können – wir kennen auch ihre Ausdehnung. Und wir können einen Zusammenhang herstellen zwischen diesen Zellschäden und dem chronischen Entzündungsprozess”.

Forscher verstehen also inzwischen besser, wie die Krankheit fortschreitet.

Aber bei der Entstehung tappen sie nach wie vor im Dunklen. Keiner kann sagen, warum sie den einen trifft und den anderen nicht.

Francesca Aloisi vom “Neuropromise Project”:

“Ursachen und Auslöser der Krankheit kennen wir immer noch nicht. Was wir wissen, ist, dass Gene und Umwelt bei der Entstehung der Multiplen Sklerose in komplexer Weise zusammenspielen.”

Im Karolinksa-Institut in Schweden wird nach den genetischen Ursachen der Krankheit gesucht. Dabei helfen Laborexperimente und klinische Studien mit Freiwilligen wie Anette.

Die ehemalige Stewardess ist jetzt Mitte 50. Die Diagnose “Multiple Sklerose” traf sie vor fünf Jahren.

MS-Patientin Anette Hansson:
“Ich mache jetzt die gleichen Sachen wie vorher. Aber eben anders. Ich renne nicht mehr, ich gehe mit meinen Stöcken. Jazztanz geht nicht mehr so wie früher, jetzt mache ich Yoga.”

Die Forscher sind einigen Genen auf der Spur, die die Krankheit begünstigen könnten.

Tomas Olsson, Neurologe, Karolinska-Institut:
“Wir haben mindestens fünf neue Risiko-Gene für Multiple Sklerose gefunden. Jedes Gen für sich hat sehr wenig Einfluss auf das Risiko, dass die Krankheit ausbricht. Aber als Gesamtheit steigern sie das Risiko signifikant. Und diese Information kann uns bei der Suche nach neuen Therapie-Ideen inspirieren.”

Tomas Olsson kombinierte diese genetischen Daten mit verschiedenen Lebensstilen und Umweltbedingungen.

Jetzt weiß er etwas mehr.

Tomas Olsson, Neurologe:
“Es gab bei Lebensgewohnheiten und Umwelt drei Hauptverdächtige: Mangelnde Sonneneinstrahlung und der daraus resultierende Vitamin D-Mangel. Zweitens eine Infektion mit dem sogenannten Epstein-Barr-Virus. Und dann noch das Rauchen.

Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Multipler Sklerose ist neu. Wir haben hier in Schweden die europaweit größte Sammlung an Forschungs-Material zu diesem Thema angehäuft und veröffentlicht. Unsere Studien zeigen, dass Rauchen das MS-Risiko um rund 60% erhöht. Kommt das Nikotin aber zusammen mit zwei verschiedenen Risiko-Genen, dann multipliziert sich das Krankheitsrisiko mit 25.”

Bahnbrechende Erkenntnisse über biologische, genetische und Umwelt-Zusammenhänge brachten Forscher auf neue Ideen, wie man die Neurodegeneration bremsen könnte.

Neue Medikamente sind dafür nicht unbedingt nötig.

Lars Fagger, Neuroimmunologe an der Universität Oxford:
“Es gibt einen Riesen-Bedarf an neuen Medikamenten, das liegt auf der Hand. Das Problem ist: Es kostet rund eine Milliarde Euro und bis zu 15 Jahre harte Arbeit, bis diese neuen Medikamente entwickelt sind. Also fragt man sich – gibt es eine Abkürzung? Und die haben wir gesucht. Wir haben es mit einem Medikament versucht, das vor vielen vielen Jahren in Europa zur Behandlung von Bluthochdruck entwickelt wurde. In unserem Theorie-Modell haben wir nachgewiesen, dass dieses Medikament zu einem gewissen Grad die Neurodegeneration stoppen könnte”.

Eine gemeinsame europäische Forschungsanstrengung mit einem ehrgeizigen Fernziel: eine noch schwer fassbare Krankheit in die Enge zu treiben.

Claudio Conforti, MS-Patient:
“Wir hoffen, dass die Wissenschaft bald konkrete Ergebnisse liefert. Und wenn schon nicht für uns Langzeit-Patienten, dann doch zumindest für die, die es vor kurzem erwischt hat”.

Tomas Olsson, Neurologe:
“Als MS-Forscher musste man vor 25 Jahren den Patienten noch sagen: Komm wieder, wenn es dir schlechter geht. Vor 15 Jahren kamen Behandlungsmöglichkeiten auf, die die Schübe um etwa 30 Prozent reduzierten. Und jetzt gibt Möglichkeiten, die Rückfälle um bis zu 70 Prozent zu verringern”.

Francesco Sinibaldi, MS-Patient:
“Ich habe nicht die Illusion, dass Forscher von einem Tag auf den anderen die magische Pille finden, die allen Patienten hilft. Es ist eine komplexe Erkrankung. Aber sicher werden sie Schritt für Schritt für einige von uns Lösungen finden”.

Tomas Olsson, Neurologe:
“Wir Forscher müssen erst einmal Ursachen und Werdegang der Krankheit viel besser verstehen. Dann können wir genauere Therapien entwickeln – in fünfzehn Jahren vielleicht”.

MS-Patientin Anette Hansson:
“Mir geht es sehr gut. Und ich kenne eine Menge Leute mit Multipler Sklerose, denen geht es auch gut. Also bedeutet diese Krankheit nicht automatisch: “Rollstuhl.” Und selbst wenn Sie am Ende in einem Rollstuhl landen, ist das nicht das Ende des Lebens. Mein Leben fühlt sich jedenfalls sehr gut an”.

www.neuropromise.eu