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Elif Shafak: ''Ein einfarbiges Europa, das nur mit einer Stimme Spricht, wäre nicht im Interesse der Europäer."

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Elif Shafak: ''Ein einfarbiges Europa, das nur mit einer Stimme Spricht, wäre nicht im Interesse der Europäer."

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Die türkische Autorin Elif Shafak hat sich in ihrer Heimat und im Ausland einen Namen gemacht. Mit ihrem Roman “Der Bastard von Istanbul” über die Verfolgung der Armenier sorgte sie für Schlagzeilen. Ultranationalisten klagten sie an wegen angeblicher “Beleidigung des Türkentums”, doch Shafak wurde vom Richter, der sich auf die Meinungsfreiheit berief, freigesprochen.
Euronews hat Elif Shafak auf einem Literturfestival in Lyon getroffen für ein Gespräch über Europa, Schreiben und Kultur.

Euronews:
“Sie unterstützen den EU-Beitritt der Türkei, warum?”

Elif Shafak:
“Europa braucht auch die Türkei. Wir stecken alle im gleichen Dilemma. Was für eine Welt, was für eine Zukunft möchten wir? Diese Frage muss sich auch Europa stellen.
Wollen wir in einer Welt leben, in der alle gleich aussehen, sich gleich kleiden und dasselbe denken?
Oder glauben wir an Energie und Verschmelzung und daran, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur, die sich gegenseitig akzeptieren, sich auf gemeinsame Werte einigen können?
Ich glaube, dass die Türkei mit ihrer Dynamik, ihrer jungen Bevölkerung und ihrer reichen Kultur einen großen Beitrag zu Europa leisten könnte.”

Euronews:
“Was haben beide Seiten von einem solchen Zusammentreffen?”

Elif Shafak:
“Wenn sie einen Politiker fragen, wird er Ihnen wahrscheinlich mehrere Antworten geben. Die Sprache der Politik ist anders. Die wichtigsten Akteure in der Politik sind “Wir” und “Sie, “Ich” und die “Anderen”. Poliker erschaffen und brauchen immer einen “Fremden”. Das ist nicht der Fall bei Schriftstellern und Künstlern. Für mich gibt es keinen “Anderen” oder “Fremden”. Als Schriftstellerin muss ich in der Lage sein Brücken zu bauen zwischen mir und den Anderen. Wenn man sich isoliert, kann nichts entstehen. Kulturen können nur gedeihen, wenn unterschiedliche Menschen zusammen kommen können, um gemeinsam etwas schönes zu erschaffen.”

Euronews:
“Ist die Türkei kulturell bereit auf den Westen zu treffen?”

Elif Shafak:
“Sicher. Die Türkei ist ein europäisches Land. Wobei sich natürlich von selbst versteht, dass sie nicht mit Norwegen zu vergleichen ist.
Die Türkei ist ein Land, das Gegensätze vereint. Es ist gefärbt durch die Ottomanen und seine islamische Vergangenheit. Doch zugleich hat die westliche Kultur das Land bereichert.
Das allein ist eine Synthese.
Die Polarisierung nach dem elften September hat der Welt nicht gut getan. Es wurde viel geredet über die sogeannten Unterschiede zwischen “Wir und den Anderen” sowie zwischen dem “Islam und der westlichen Demokratie”. Es gibt Menschen, die glauben an den Kampf der Kulturen, aber eigentlich gibt es keinen. In der Wirklichkeit treffen die Kulturen vielmehr aufeinander und es kommt zu einem Austausch. Es äußerst sich im heutigen Zeitgeist.”

Euronews:
“Was halten sie von der Aussage, Europa sei eine rein christliche Gemeinschaft?”

Elif Shafak: “In Europa gibt es verschiedene Strömungen. Europa spricht nicht mit einer Stimme. Außerdem leben dort bereits sehr viele Muslime. Immigranten werden immer noch aufgenommen, das ist ein Zeichen von Weltoffenheit
Deswegen glaube ich, dass Europa in der Lage ist all diese Unterschiede zu verdauen, das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.
Ein einfarbiges Europa, das nur mit einer Stimme spricht, würde den Europäern nicht gut tun.”

Euronews:
“Wir wurden Zeuge eines politischen Wandels in der Türkei. Sehen sie als Schriftstellerin auch einen Wandel der Mentalitäten?”

Elif Shafak:
“Es gibt eine unglaubliche Dynamik in der Türkei.
Schreiben und lesen, das ist die Arbeit von Schriftstellern wie mich. Ein Großteil der Leser in der Türkei sind Frauen. Sie erhalten den Literaturbetrieb des Landes am Leben.
Europa bemerkt diese Dynamik nicht wirklich. Ich finde das sehr ironisch, wir kennen uns nicht gut, obwohl wir geographisch gesehen so nah beieinander und verbunden sind.
Wie gut kennen die Deutschen oder die Franzosen die Türkei? Wir müssten uns über die Klischees hinwegsetzen.”

Euronews:
“Welche Rolle spielt die Literatur in diesem Rahmen?”

Elif Shafak:
“Die Literatur sollte keine Seiten beziehen. Sie sollte die Massen nicht gegeneinander aufbringen, sondern sie zusammen bringen. Es ist nicht die Aufgabe eines Schriftstellers die Menschen zu trennen, er sollte vielmehr Brücken bauen.
Das ist insbesondere der Fall, wenn man eine Geschichte erzählt. Geschichten sind so allgemeingültig und menschlich, dass sie weder Visa noch Pass benötigen. Sie reisen ständig um die Welt, denn Mitgefühl ist das Wesentliche beim Geschichten erzählen.”

Euronews:
“Ihr jüngster Roman “Die 40 Regeln der Liebe” handelt von einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Sufismus und ist in der Türkei sowie im Ausland ein großer Erfolg. Warum? Sehnen sich die Menschen nach Liebe, die mit Spiritualität Hand in Hand geht?”

Elif Shafak:
“Wir wollen herausfinden, was uns nach dem Tod erwartet. Wir versuchen aus Leben, Tod, Liebe und der Vereinigung der Liebenden schlau werden. Es sind weitverbreitete Themen. Sufismus ist sehr bekannt, doch noch lange nicht ausreichend. Ich habe versucht mich dem Konzept der Liebe von verschiedenen Seiten aus, zu nähern. Ich habe es mit vom Orient und vom Okzident aus angeschaut. Es in der heutigen Welt betrachtet und dann bin ich zurück ins XIII Jahrhundert gereist.
Ich habe versucht mir die Liebe aus einer materiellen und einer spirituellen Sicht zu erfassen, um dann all das in einem Roman zu vereinen.”

Euronews:
“Sie haben einmal gesagt, dass Osten und Westen illusorische Konzepte seien, die wir uns nur ausgedacht haben. Was haben sie damit gemeint?”

Elif Shafak:
“Wenn sie die Welt als eine politische Karte sehen, dann fällt es ihnen leicht Grenzen zu ziehen. Aber, wenn sie sich das Ganze von einem humanistischen oder kulturellen Gesichtspunkt anschauen, wo wollen sie dann die Grenzen ziehen? Alles ist miteinander verbunden. Es ist eigentlich offensichtlich. Nach dem elften September
ist zwischen allen Geschichten eine Verbindung entstanden. Unsere Schicksale sind verknüpft. Die Unzufriedenheit der Menschen in Pakistan hat einen Einfluss auf das Glück der Kanadier. Die Finanzkrise in Amerika stürzt Menschen in China oder Russland in die Depression. Wir leben in einer Welt, in der alles miteinander verknüpft ist. Das war schon immer so, doch uns wird es erst jetzt bewusst.”

Euronews:
“Als Schriftstellerin schreiben sie ihre Romane sowohl in türkisch als auch in englisch. Verändern sie sich, wenn sie die Sprache wechseln? Oder benutzt die gleiche Elif Shafak beide Sprachen?”

Elif Shafak:
“Ich schreibe auch auf Englisch, weil es mit gefällt zwischen Sprachen, Kulturen und Städten hin und her zu reisen. Wenn ich auf englisch schreibe, benuzte ich eine mathematische Denkweise. Wenn ich jedoch auf türkisch schreibe, habe ich einen emotionale Bindung zu den Worten. Durch das Wechseln betreten wir die Labyrinthe anderer Sprachen. Wir passen uns Regeln und der Melodie der neuen Sprache an. Nicht wir beherrschen die Sprache, sondern die Sprache ist es, die uns sowie unsere Fantasie und Denkweise formt. Also ja, man verändert sich, wenn man die Sprache wechselt. Denken und träumen in mehreren Sprachen hat einen Einfluss darauf, wer wir sind. Wir leben in einem Zeitalter der ständigen Mobilität und des Nomadentums. Das ist die heutige Wirklichkeit…”

tagURLhttp://www.elifshafak.us