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"Die EU wird zu einer Gemeinschaft von Schwindlern"

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"Die EU wird zu einer Gemeinschaft von Schwindlern"

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In den Niederlanden wächst die Euro-Skepsis und manch einer würde die Eurozone lieber heute als morgen verlassen. Für Euronews hat Olaf Bruns mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Analysten Mathijs Bouman in Amsterdam gesprochen.

Euronews:
Mr. Bouman, unter den Niederländern wächst die Enttäuschung über den Euro. Es werden bereits Stimmen laut, die verlangen, dass das Land die Eurozone verlässt und den Gulden wieder einführt. Haben Sie dafür Verständnis?

Bouman:
Das ist natürlich eine emotionale Reaktion auf das, was in den vergangenen Wochen oder Monaten geschehen ist. Wir beobachten, dass das Vertrauen in das Euro-Experiment abnimmt. Aber noch lieber als die Eurozone selbst zu verlassen, würden wir – oder wenigstens einige meiner Mitbürger – Länder wie Griechenland oder sogar Spanien und Portugal ausschließen.

Euronews:
Dennoch: Viele Leute sagen deutlich, dass die Niederlande die Eurozone ja verlassen könnten. Das scheint für ein so kleines Land zwar nicht sehr realistisch, aber gibt es denn gute wirtschaftliche Argumente für einen solchen Schritt?

Bouman:
Es gibt gute Argumente. Es gibt zwar bessere dafür, in der Eurozone zu bleiben, aber eines dieser guten Argumente lautet: Wenn wir auf jene Länder blicken, die den Euro nicht eingeführt haben, wie Dänemark, Großbritannien oder Schweden, dann sehen wir, dass es ihnen in der Krise nicht schlechter geht als uns. Und sie müssen nicht für das griechische Defizit bezahlen.

Euronews:
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Geert Wilders’ rechtspopulistische “Partei für die Freiheit” nach der Wahl Teil einer Regierungskoalition werden könnte. Wilders hat schon gesagt, dass er den Euro nicht mehr will. Könnte das Auswirkungen auf die Politik einer künftigen Regierung haben?

Bouman:
Lassen Sie uns ehrlich sein: In allen Euro-Ländern ist das Szenario eines Zusammenbruchs der Eurozone Thema. Es ist nicht länger eine unwahrscheinliche Möglichkeit, es ist zu drei, vier, vielleicht sogar 10 Prozent möglich. Jede Regierung sollte überlegen, was geschieht, wenn Länder aus der Eurozone ausscheiden, wenn die Eurozone zerbricht. Daher ist es nicht schlecht, was Geert Wilders sagt. Er hat nmicht gesagt: wir treten aus, sobald wir an der Macht sind, er sagt nur: wir sollten die Möglichkeiten abwägen.

Euronews:
Vor ein paar Jahren haben die Niederländer die EU-Verfassung in einer Volksabstimmung mit einer großen Mehrheit von mehr als 60 Prozent abgelehnt. Im Vorjahr wurde eine große Anti-EU-Partei bei den EU-Wahlen zweite Kraft. Jetzt ist der Euro in der Kritik. Werden die Niederländer zu Anti-Europäern?

Bouman:
Sie haben recht, es gibt eine antieuropäische Stimmung in den Niederlanden. Aber das liegt auch daran, dass sich die EU in den letzten fünf oder sechs Jahren verändert hat. Sie hat mehrere osteuropäische Länder aufgenommen und viele Menschen von dort arbeiten heute in den Niederlanden. Das ist für die Wirtschaft als solches in Ordnung, aber die schlechter ausgebildeten Niederländer sehen sich plötzlich der Konkurrenz aus dem Osten gegenüber. Die EU hat sich verändert, und dazu kommt, dass die Griechen bei ihrem Defizit und ihrem Schuldenstand gelogen haben. Das verändert auch die Art, wie man die EU wahrnimmt. Es ist nicht länger eine Gemeinschaft von Freunden, es ist jetzt so etwas wie eine Gemeinschaft von Schwindlern.