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BHV - Belgiens Ungemach im Brennglas

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BHV - Belgiens Ungemach im Brennglas

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BHV, das heisst Brüssel-Halle-Vilvoorde. Drei Buchstaben, die die Krise in Belgien auf den Punkt bringen.

BHV – das ist ein Wahlbezirk mitten in Flandern der Großraum um die Hauptstadt Brüssel. Der einzige gemischtsprachige Wahl und Gerichtsbezirk soll es den bis zu 150.000 francophonen Belgiern dort ermöglichen, für Parteien ihrer Sprachgruppe zu stimmen.

Flandern ist einsprachig, Brüssel zweisprachig. Mitten in Brüssel sprechen fast zwei Drittel der Bürger französisch – je weiter man in die Außenbezirke kommt, desto stärker verdünnt sich ihr Anteil.

Zum Wahlbezirk BHV gehören 19 Gemeinden in der Region Brüssel und 35 in der flämischen Provinz Brabant.

Einige Flamen sehen in BHV eine französischsprachige Enklave, die verschwinden sollte – sie gefährde die Einheit Flanderns.

Die Krise schwelt seit dem 19. Jahrhundert. In den 1960er Jahren probten die Flamen den Aufstand gegen die francophone Vorherrschaft in Brüssel. Das Ergebnis: Ein neues Gesetz.

Damit definierte Belgien eine sprachliche Grenze. Jede Sprachregion – wallonisch, flämisch oder deutsch – bekam ein eindeutig definiertes Territorium zugeteilt, dort gilt einzig und allein die Regionalsprache.

Doch entlang dieser Grenze und um Brüssel herum gibt es Gemeinden, da werden zwei Sprachen gesprochen. Sie werden Fazilitäten-Gemeinden genannt, oder „Gemeinden mit Spracherleichterungen”.

So mancher flämische Minister macht diese Sonderrolle für Belgiens Ungemach verantwortlich.

Vincent de Coorebyter, Centre for Socio-Political Research and Information:

“Was die Dauer der Spracherleichterungen betrifft, gibt der Gesetzestext eine klare Antwort. Es gibt keinen Automatismus für eine Neubewertung, es gibt kein zeitliches Limit. Allerdings herrscht auf der flämischen Seite die Ansicht: eine Generation sollte ausreichen, um sich anzupassen – seien es die Francophonen in Flandern oder umgekehrt. Dann könne man diese Fazilitäten auslaufen lassen.”

Die praktischen Folgen im Alltag: In Gemeinden wie
Vilvoorde fühlen sich francophone Immobilienkäufer diskriminiert. Die Gemeinde hat mit den Bauträgern Vereinbarungen getroffen, die sich auf keinen Buchstaben des Gesetzes stützen können.

Marc Van Asch, Bürgermeister von
Vilvoorde:

“Wir bitten die Bauträger um Informationen über die Hauskäufer. Dann nehmen wir mit denen Kontakt auf, um ihnen die niederländische Sprache nahezulegen.”

Für die flämischen Nationalisten wäre das Ende von BHV das Ende der Bastion der Zweisprachigkeit – und einer Unabhängigkeit Flanderns stände nichts mehr im Weg.

Charles Picqué, Ministerpräsident der Region Brüssel-Hauptstadt:

BHV ist nur die Spitze des Eisbergs. Es geht möglicherweise um die Vorwegnahme der Landesgrenzen von morgen, für den Fall dass die separatistischen Tendenzen in Flandern die Oberhand bekommen.”

In Brüssel wehen die drei Nationfarben Belgiens an offiziellen Gebäude – aber wie lange noch ?

Die EU-Prominenz jedenfalls kann die Diskussion über ein Europa der Regionen im eigenen Vorgarten verfolgen.