Eilmeldung

Eilmeldung

Rote Karte für die WM

Sie lesen gerade:

Rote Karte für die WM

Schriftgrösse Aa Aa

Die Weltmeisterschaft erregt auch Kritik: Sie sei eine globale Entfremdung, die FIFA verhalte sich wie ein multinationaler Konzern und die Fußballer glichen Söldnern, die Millionen verdienten. Zu den Kritikern gehört auch der französische Philosoph Fabien Oiller.
 
Miguel Sardo, euronews: “Fabien Oiller, Sie erkennen in den Zitaten einige ihrer Vorwürfe wieder. Sie sind Philosoph und geben die kritische Zeitschrift ‘Quel Sport’ heraus. Auch haben Sie mehrere Bücher zum Thema geschrieben, darunter ‘Die Fußballmanie’. Schauen Sie sich die WM-Spiele an?”
 
Fabien Oiller: “Nein, auf jeden Fall fahre ich nicht nach Südafrika, denn ich bin nicht eingeladen worden. Doch ich werde mir einige der Spiele im Fernsehen anschauen. Wenn man ein Phänomen kritisiert, muss man es beobachten, trotz allem. Was mich wirklich interessiert, zeigen die Medien nicht. Denn die Medien zeigen den Volkstaumel, den so genannten Traum, das so genannte Fest eines ganzen Volkes. Ich denke, dass es auch eine Kehrseite, dass es absolut demütigende Auswirkungen dieser Weltmeisterschaft gibt. Wir befinden uns in einem Zustand der Belagerung durch die Fans. Die absurdesten, infantilsten, manchmal sogar die dümmsten Verhaltensweisen kommen dabei zur Geltung, vor allem jene, die mit Alkoholkonsum verbunden sind. Für die Familie Nelson Mandelas, dessen Ur-Enkeltochter bei einem Autounfall ums Leben kam, ist die WM alles andere als ein Fest.”
 
euronews: “Man schreibt dem Sport oft zu, dass er verbindet, vor allem in einem Land wie Südafrika, wo Rugby beinahe zum Symbol der nationalen Versöhnung nach der Apartheid geworden ist.”
 
Fabien Oiller: “Ein großer Teil der südafrikanischen Bevölkerung zieht keinerlei Vorteile, so genannte wirtschaftliche und soziale Vorteile aus der Weltmeisterschaft. Es gibt bereits eine Art Schizophrenie, eine Art sozialer Spaltung: Einerseits gibt es eine Schicht, die es schnell zu Wohlstand gebracht hat, während die anderen, rund 40 Prozent der Bevölkerung Südafrikas, von umgerechnet weniger als zwei Euro pro Tag leben müssen.”
 
euronews: “Sie sprechen von der ‘Pflicht zur kollektiven Hysterie’. Beschränken sich die Gefühle der Fans auf eine Art kriegerischen Nationalismus?”
 
Fabien Oiller: “Schaut man die Bilder mit den Südafrikanern an, die in die T-Shirts ihrer Nationalmannschaft gekleidet sind und in ihre Vuvuzelas trompeten, bietet sich ein mitleidserregendes Schauspiel eines Volkes, das vor einigen Jahren noch die Apartheid erleiden musste. Ich denke nicht, dass dieses Bild von der südafrikanischen Mannschaft und der Bevölkerung Südafrikas schön ist. Ich denke vielmehr, dass dies eine Folge der mehrjährigen staatlichen Propaganda ist. Mindestens sechs Jahre lang wurde den Einwohnern Johannesburgs und ganz Südafrikas eingeredet, dass sie sich in Fans verwandeln müssten. Ich erinnere zum Beispiel daran, dass die Schüler, die in Südafrika normalerweise eine Uniform tragen, aufgefordert wurden, während der Dauer der Weltmeisterschaft das Trikot der Nationalmannschaft anzuziehen. Auf dem Umweg über den Fußball kommt es hier zur schlimmsten Form der Staatspropaganda.”