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Hyun In-Taek: "Es ist schwierig geworden, die Ruhe zu bewahren"

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Hyun In-Taek: "Es ist schwierig geworden, die Ruhe zu bewahren"

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Im Südkorea des Jahres 2010 trägt Hyun In-Taek den Titel “Minister für Vereinigung”. Geschaffen wurde dieses Ministerium 1969, den Zweck erklärt schon der Titel. Es spielte eine Schlüsselrolle in den Annäherungsbemühungen, die vor zehn Jahren zu einem ersten Gipfeltreffen führten. Die damaligen Hoffnungen, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, haben sich aus heutiger Sicht nicht erfüllt. Euronews-Reporterin Sophie Desjardin hatte die Gelegenheit, dem seit 2009 amtierenden Minister Fragen zu stellen.

Euronews
Herr Minister, welche Auswirkungen hatte der jüngste Zwischenfall auf den Verhandlungsprozess zwischen beiden Staaten?

Hyun In-Taek:
Der Zwischenfall ist eine militärische Provokation Nord-Koreas. Das nordkoreanische U-Boot hat unsere Korvette “Cheeonan” mit einem Torpedo angegriffen und versenkt. Bei dem Zwischenfall kamen 46 südkoranische Soldaten ums Leben. Außerdem geschah das in unseren Hoheitsgewässern. Bisher hat unsere Regierung alle Anstrengungen unternommen, um die Beziehungen zwischen beiden Staaten zu entwickeln, aber mit diesem abenteuerlich provozierten Zwischenfall ist es schwierig geworden, die Ruhe zu bewahren. Zunächst einmal wollen wir, dass Nordkorea seinen Fehler eingesteht und sich entschuldigt. Wir hoffen, dass die Verantwortlichen bestraft werden und Nordkorea verspricht, dass sich so etwas nicht wiederholt. Nur dann können sich unsere Beziehungen in Richtung Normalität entwickeln. Aus dieser Sicht wird der Zwischenfall im UN-Sicherheitsrat erörtert. Mit dem Grundgedanken, man kann nicht einfach darüber hinwegsehen, so etwas darf sich nicht wiederholen. Ich betone, vor dem, was passiert ist, darf man die Augen nicht verschließen.

Euronews:
Nach dem Zwischenfall mit dem südkoreanischen Kriegsschiff hat Ihr Präsident eine sehr entschlossene Position eingenommen und erklärt, Nordkorea müsse erkennen, dass Südkorea die Grenzen des Möglichen erreicht habe. Soll das heißen, dass diese Grenzen bereits verletzt wurden?

Hyun In-Taek:
Wir haben diplomatische Maßnahmen ergriffen: Wir haben den Warenaustausch zwischen beiden Ländern suspendiert und Nordkorea die Schifffahrt in den südkoreanischen Gewässern verboten.

Euronews:
Die Rede ist von Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, auch nicht bei Provokationen. Was genau ist damit gemeint?

Hyun In-Taek:
Dabei geht es um die Besonderheit der Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea. Nordkorea hat diesen Zwischenfall verursacht, bei dem durch diese militärische Provokation Frieden und Sicherheit auf der Halbinsel gefährdet wurden. Gleichzeitig aber wollen wir für die Zukunft an eine Vereinigung denken. Das ist das große Dilemma für unsere Regierung. Wir haben nur begrenzte Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen. Einerseits muss man zu entschlossenen Maßnahmen greifen, mit denen Nordkorea eine Lektion erteilt wird, um zu verhindern, dass solches wieder geschieht. Aber andererseits dürfen wir auch nicht zu weit gehen, um nicht die Beziehungen zwischen unseren zwei Staaten aufs Spiel zu setzen… Bei unseren Aktionen gilt es, den Geist der Zukunft zu bewahren, mittel- und langfristig.

Euronews:
Welchen sind im Moment die größten Hindernisse für eine Vereinigung?

Hyun In-Taek:
Es gibt zwei Hindernisse. Zuerst die Entwicklung der Atomkraft in Nordkorea. Wenn Nordkorea dabei bleibt, wird seine Atomentwicklung zu einer Gefahr, die die Sicherheit der Länder in Fernost und letztlich in der ganzen Welt bedroht. Meine Regierung arbeitet schon seit der ersten Atomkrise 1993 mit der internationalen Gemeinschaft zusammen. Nordkorea von der Atomkraft abzubringen ist das Erste, was getan werden muss, es ist nötig, weiter in diese Richtung zu arbeiten. Das zweite Hindernis ist der kriegerische Charakter Nordkoreas, der sich im jüngsten Zwischenfall gezeigt hat. Das militärische Abenteurertum und die Provokationen sind eine Herausforderung für uns und eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Region.

Euronews:
Denken Sie an eine Wiedervereinigung wie in Deutschland, könnte das in naher Zukunft möglich sein?

Hyun In-Taek:
Ihre Frage enthält zwei Punkte. Erstens die Notwendigkeit einer Wiedervereinigung und zweitens die Möglichkeit. Dazu muss man an den Anfang unserer Geschichte vor 60 Jahren zurückgehen. Seit 1945, seit dem II.Weltkrieg, gibt es eine neue Weltordnung. Während des Kalten Krieges haben zwei gegensätzliche Systeme lange nebeneinander existiert, bevor eines davon zusammengebrochen ist. Dadurch wurde für Deutschland vor nunmehr 20 Jahren die Vereinigung möglich. Wir denken, dass der Gott der Geschichte unsere Halbinsel segnen kann, so wie er Deutschland vor 20 Jahren gesegnet hat. Kurzfristig dürfte eine Vereinigung eher schwierig werden. Aber die Rechnung wird erst am Ende aufgemacht. Unser Volk hat tausende von Jahren überstanden als einiges Volk in einem Land. Unter diesem Gesichtspunkt sind die letzten 60 Jahre nicht mehr als ein Schritt auf dem langen Weg der Geschichte.

Euronews:
Aber dafür bedarf es eines Regimewechsels wie in Deutschland….

Hyun In-Taek:
Eben deshalb verstärken wir unsere Anstrengungen. Aber was die Vereinigung anbelangt, ist es klar, dass das Regime sich grundlegend ändern muss. Niemand kann sagen, wann die Vereinigung kommt. Wie in Deutschland. Das deutsche Volk hat sich in einem bestimmten Moment für die Vereinigung entschieden, den niemand hatte voraussagen können.

Euronews:
Glauben Sie, mit Kim Jong Il an der Macht wäre es möglich?

Hyun In-Taek:
Zu Zeit wird Nordkorea von Kim Jong Il geführt. Das ist die dortige Realität. Es bringt nichts, sich zu fragen, ob das gut oder schlecht ist, es ist so. Und wenn beide Staaten den Dialog aufnehmen, dann in jedem Fall mit Kim Jong Il. Man kann nicht sein Idealbild als Realität ansehen. Also, alles was wir tun können, ist, Nordkorea die Möglichkeiten zum Wandel zu geben und einstweilen mit dem Regime von Kim Jong Il weiterzumachen.

Euronews:
Ich möchte darauf zurückkommen, was Sie zum UN-Sicherheitsrat sagten. Nordkorea ist international mehr und mehr isoliert, während Sie viele Verbündete haben. Aber Russland und China lehnen es immer noch ab, das Regime von Kim Jong Il zu verurteilen. Beunruhigt Sie das? Wie sind Ihre Beziehungen zu diesen beiden Ländern?

Hyun In-Taek:
Wie unterhalten diplomatische, politische und ökonomische Beziehungen mit China und Russland. Was den Zwischenfall mit der Korvette “Cheoan” anbelangt: Da wurden unterschiedliche Standpunkte zum Ausdruck gebracht, in der Frage, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten. Aber wir denken, dass China den Zwischenfall sehr wohl verstanden hat. Die internationale Gemeinschaft besteht aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Interessen. Dialog, Verständigung und Realpolitik sind notwendig. Folglich führen wir den Dialog mit China und Russland und es scheint, als habe das vor dem Sicherheitsrat zu einem Ergebnis geführt. Ich denke, sehr bald wird uns von Seiten der internationalen Gemeinschaft Genugtuung zuteil werden.