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Touraine: "Europa könnte eine Brücke zur islamischen Welt bauen"

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Touraine: "Europa könnte eine Brücke zur islamischen Welt bauen"

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Alain Touraine befasst sich mit Islamphobie, also mit der Angst vor dem Islam. Der französische Soziologe war kürzlich zu Gast im Europarat in Straßburg, wo es um dieses Thema ging. 2010 wurde er zusammen mit dem Briten Zygmunt Bauman mit dem Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet. Touraine ist Autor Dutzender Bücher, in denen es vor allem um die Entwicklung des postindustriellen Zeitalters geht.

Euronews:
Wenn man heute vom Islam spricht, setzen viele das automatisch mit Terror und Terrorismus gleich…

Touraine:
Man sollte nicht übertreiben. Es gibt die Tendenz, die sich ganz einfach durch die Tatsache erklärt, dass Terrorismus für Schlagzeilen sorgt. Auch bei einem nur verhältnismäßig kleinen Attentat oder Selbstmordattentat wird darüber sofort in den Nachrichten und Zeitungen berichtet.

Euronews:
Liegt die Schuld bei den Medien?

Touraine:
Nein, extreme Situationen werden immer sichtbarer.

Euronews:
Man kann sagen, dass beim Thema Religion sofort die Alarmglocken läuten. Ich denke da an das Referendum über die Minarette in der Schweiz oder an die Burka-Debatte in Frankreich.

Touraine:
Das sehe ich nicht so. Denn die große Mehrheit der fünf bis sechs Millionen Moslems in Frankreich hat damit nichts zu tun. Vielleicht wird sich das noch so entwickeln. Aber aktuell tragen zwei bis dreitausend Menschen die Burka. Das ist schon viel, vorher waren es weniger. Aber wenn man genauer hinsieht, besteht zwischen zwei- bis dreitausend und der Hälfte von sechs Millionen Menschen – also drei Millionen – ein enormer Unterschied. In Europa sind Wirtschaft, Politik und Religion getrennt. Wenn Sie vom Islam sprechen, dann setzen Sie das gleiche voraus wie Herr Huntington mit seinen berühmten Zivilgesellschaften und vermischen alles. Nein, der Islam ist nichts Homogenes, genauso wenig wie das Christentum. Lassen wir also die Religion beiseite.

Euronews:
Sind wir auf sozialer Ebene in einer Zeit der Katastrophen?

Touraine:
Da antworte ich sogleich mit “nein”. Aus zwei Gründen. Weltweit betrachtet gibt es keine Katastrophe. Die Welt macht Fortschritte. Die Welt wächst. Afrika hat ein enormes Wachstum. Wirtschaftlich gesehen geht es der Welt immer besser – Europa ausgenommen. Selbst die Amerikaner haben sich von der Finanzkrise erholt. Stattdessen stellt Europa durch Griechenland und vielleicht weitere Länder 2010 unter Beweis, dass es nicht fähig ist, die Probleme zu bewältigen. Es gibt also keine weltweite Katastrophe. Wenn man davon sprechen kann, dann handelt es sich um eine “europäische” Katastrophe. Das ist präziser. Die Europäische Union hat nur wenig Macht. Die USA hingegen haben eine Machtfülle, genauso andere Länder wie Indien oder China. Zum anderen haben die europäischen Länder 2009 viel Geld aus ihren Reserven genommen und als Unterstützung gezahlt, sodass es nicht zur Katastrophe gekommen und das Lebensniveau nicht gesunken ist. 2009 hatten wir in Frankreich und den meisten europäischen Ländern einen ganz schwachen Anstieg des Lebensniveaus. Das ist aber keine Katastrophe. 2010 wird es wahrscheinlich schlimmer.

Euronews:
Kommen wir zur Religion zurück. Der europäische Gerichtshof wird ein Urteil über Kruzifixe in italienischen Schulen sprechen. Was ist für Sie ein Kruzifix?

Touraine:
Es gibt viele gemäßigte oder konservative Italiener, die sagen, dass das Kruzifix ein Nationalsymbol ist, was einfach nur grotesk ist. Das Kruzifix ist kein Nationalsymbol.

Euronews:
… es gehört zur italienischen Tradition…

Touraine:
… es gehört zur Tradition in Frankreich, in Deutschland, England, und so weiter. Die Italiener sind nicht die Christenheit. Sie haben den Papst, gut so, sollen sie ihn behalten. Wir haben ihn nicht, umso besser. Ich bin ein wahrer französischer Laizist, meines Erachtens ist der Laizismus fundamental, um die Probleme von heute zu bewältigen. Das Kruzifix hingegen stellt den Übergriff der katholischen Kirche auf das öffentliche Leben der Italiener dar.

Euronews:
Zum EU-Beitritt der Türkei: Experten zufolge stellt das Haupthindernis für den Beitritt die Tatsache dar, dass die Türkei ein Land mit islamischer Mehrheit ist. Teilen Sie diese Meinung?

Touraine:
Erstens: Soweit ich weiß, ist über die Frage, ob die Türkei der EU beitreten soll, abgestimmt worden. Wir lassen die Türkei also gerade warten. Man kann nicht sagen, dass sie zurückgewiesen wurde. Die meisten Staaten sind dafür. Gegen einen Beitritt sind Frankreich und Deutschland. Frankreich wegen des Präsidenten und der Linie der Regierungspartei. Da Sie mir persönlich die Frage stellen, sage ich Ihnen, dass ich einer der größten Befürworter eines Beitritts der Türkei bin. Warum? Weil für uns Europäer die größten Probleme in den Beziehungen zur islamischen Welt liegen. Die Amerikaner haben die islamische Welt über die arabischen Staaten kennengelernt. Länder, die von Europa kolonisiert wurden und die somit feindlich gesinnt waren. Sie hatten außerdem niemals einen starken Staat, deshalb haben sie kulturell und politisch feindselige Empfindungen. Die Türkei wurde niemals kolonisiert, sie war jedoch eine Kolonialmacht. Sie war immer ein starker und moderner Staat, weil es Kemal Atatürk gegeben hat. Meiner Meinung nach könnte Europa wirklich eine große Rolle in der Welt spielen, wenn es beweist, dass es eine Brücke zwischen einem Teil des Okzident und einem Teil der islamischen Welt bauen kann, während die Amerikaner sich in einen schändlichen Krieg gestürzt haben.