Eilmeldung

Eilmeldung

15 Jahre später: Noch immer trauern Angehörige

Sie lesen gerade:

15 Jahre später: Noch immer trauern Angehörige

Schriftgrösse Aa Aa

Meliha Bosnjak erinnert sich:
“Es geschah am 11. Juli. Das waren viele Emotionen an einem einzigen Tag. Ich wusste nicht, was um uns herum passierte. Meine Mutter hat uns einfach mitgenommen und sagte nur “nicht hingucken.”

Zu diesem Zeitpunkt war Srebrenica eine Schutzzone; und wir sind für unsere Sicherheit nach Srebrenica gekommen. Danach ist mein Vater in Srebrenica geblieben, meine Mutter, meine Schwestern, mein Bruder und ich sind nach Tuzla gefahren, eine andere freie Stadt.

Es waren die Serben, die dann Männer und Frauen getrennt haben. Meine Mutter hat meinen kleinen Bruder meiner Schwester anvertraut. Die hat ihn dann bis zum Bus getragen. Später im Bus hielt sie ihn die ganze Zeit fest im Arm. Die Serben sollten denken, dass er ihr Sohn sei. Denn sie war groß, eine junge Frau, und meine Mutter hatte Angst, weil es Gerüchte über junge Frauen gab, die weggebracht und vergewaltigt wurden.

Mein Vater blieb und wir gingen weg. Wie alle anderen Männer waren sie schnell verschwunden, nicht mal 15 Minuten, um “Auf Wiedersehen” zu sagen oder miteinander zu sprechen. Ich erinnere mich nur, dass er sagte: “Pass gut auf die Kinder auf und beruhig dich, weine nicht, zeig keine Gefühle. Und dann sehen wir uns in Tuzla wieder.”
Er ist den Weg in den Wald gegangen wie fast alle 10.000 Männer. Jetzt sehen wir die Bilder von den 10.000 Toten, die überall verstreut im Wald in Ostbosnien lagen.

Wir haben danach viele Versionen gehört. Der letzten zu Folge ist mein Vater am rechten Bein verletzt worden, sodass er nicht mehr laufen konnte und im Wald geblieben ist. Dann haben wir auch mal gehört, dass er so müde war und deswegen den Serben direkt in die Arme gelaufen ist. Es gab wohl auch Serben in diesem Wald, die ihnen zuriefen “Kommt, wir tun euch nichts, wir werden euch nur bei den Bosniern gegen andere serbische Kriegsgefangene eintauschen.”

Vielleicht hat mein Vater das geglaubt und ist zu ihnen gegangen. Es gibt also zwei Geschichten, und wir wissen nicht, welcher wir Glauben schenken sollen.
Wir wissen nur, dass mein Vater tot ist und dass man ihn bis heute nicht gefunden hat. Ich würde ihn gern wiederfinden, um zu wissen, wo sein Grab ist, damit ich dort für ihn beten kann.”