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Bosnien und der Völkermord von Sebrenica

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Bosnien und der Völkermord von Sebrenica

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Ich bin verbunden mit Sanel Huskic in Sarajewo, dem Präsidenten von ACIPS, einer “Denk-Fabrik” mit Schwerpunkt EU-Integration und aktuelle politische Fragen. Mister Huskic, seit dem Ende des Bosnienkrieges gab es mehr Finanzhilfe, als Westeuropa durch den Marshall-Plan nach dem II.Weltkrieg erhielt. Fast acht Milliarden Euro. Nur für die Hälfte ist der Verwendungszweck bekannt. Wohin floß dieses Geld?

Sanel Huskic: “Das ist eine gute Frage.
Bosnien hat die meiste Hilfe pro Kopf der Bevölkerung bekommen, die es nach dem II.Weltkrieg gab. Das habe ich ausgerechnet.
Das Geld floß in die Taschen von nationalistischen Politikern, weil die sehr komplexen Verwaltungsstrukturen und die verschiedenen Ebenen der Entscheidungsfindung es ihnen möglich machen, Wege zu finden, wie sie dieses Geld für ihre eigenen persönlichen Interessen verwenden können.
Ungefähr die Hälfte des Geldes hat diesen Weg genommen. Die andere Hälfte hat auch nicht viel mehr Nutzen gebracht, weil die internationale Gemeinschaft in einen uneffektiven und sehr teueren Staat investiert hat.”

euronews: “15 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica scheint Bosnien noch einen sehr langen Weg vor sich zu haben bis zur Mitgliedschaft in EU und NATO. Man hat das Gefühl, dass die Bosnier frustriert sind, weil sie für die politischen Fehler anderer zahlen müssen.”

Sanel Huskic: “Es gibt sicher dieses Gefühl der Hilflosigkeit, weil wir auf die Gnade unserer Politiker angewiesen sind, die das Land seit 1996 regieren und dabei wenig Fortschritte machen. Es gibt die Eliten, die dem Volk, das sie angeblich regieren, wirklich nichts Gutes bringen. Deshalb wenden sich die Bosnier ja der EU und den USA zu. Derzeit erlebt die EU durch die Finanzkrise in Griechenland, Portugal und Spanien eine schwierige Periode und eine gewisse “Erweiterungs-Müdigkeit”.
So bemerken wir zur Zeit wenig Engagement für Bosnien. In diesem Sinne ist Bosnien frustriert, weil wir wirklich Hilfe nötig hätten, wir können solche Zustände immer weniger hinnehmen, besonders in der Zeit vor den Wahlen.”

euronews: “Meine letzte Frage. Es heisst, der Völkermord von Srebrenica habe den Weg zum Dayton-Abkommen geebnet. Bis heute ist Bosnien nach ethnischen Kategorien gespalten. War dieses Friedensabkommen Ihrer Meinung nach ein Fehler?”

Sanel Huskic: “In einem Punkt ist das Dayton-Abkommen nicht gescheitert. Damit wurde das Blutvergießen gestopped, das steht außer Zweifel.
Aber jetzt wird dadurch noch vieles andere gestopped. Es wurden keine Reformen durchgeführt.
Es gibt keinerlei Energie oder Ideen oder Neuerungen, egal auf welcher Ebene.
In diesem Sinne ist es fehlgeschlagen.
Es wurde keine Voraussetzungen für einen Aufschwung geschaffen.
Die Arbeitslosenrate ist grauenhaft hoch.
Ein Staat in einer solchen Verfassung kann seine Aufgaben nicht erfüllen, die Aufgaben, für die er da sein sollte. Als Ergebnis des Dayton-Abkommens hat unsere Verfassung ein Schlaraffenland für betrügerische Politiker geschaffen, die uns so schlechte Dinge wie Korruption und fehlende Transparenz gebracht haben. Das Dayton-Abkommen hat die Krieg gestopped – aber auch jeden Fortschritt in diesem Staat.”