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Titos Enkelin: "Keine ernsthafte Versöhnung in Bosnien"

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Titos Enkelin: "Keine ernsthafte Versöhnung in Bosnien"

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Euronews-Journalistin Lesley Alexander führt ein Interview mit Titos Enkelin Svetlana Broz in Sarajewo. Von Beruf ist sie Autorin und Herzspezialistin, sie behandelte zahlreiche Opfer im Bosnienkrieg. Gleichzeitig ist sie die Enkelin von Tito, dem langjährigen Führer des ehemaligen Jugoslawiens. Wie tief sind die psychischen Wunden der Bosnier 15 Jahre nach Srebrenica, dem Massaker, das von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft wird?

Svetlana Broz:
Die Wunden sind allerdings noch sehr tief. In Bosnien kann man grob zwischen drei Gruppen unterscheiden: Opfer, Täter und Zuschauer. Die Opfer sind normalerweise nicht dazu in der Lage, mit der Vergangenheit abzuschließen. Das wird verschlimmert wird durch die Tatsache, dass viele Täter oft noch wichtige Positionen innehaben. Die Täter können gut leben in ihrer Verleugnungshaltung. Die Zuschauer, die nicht zu Tätern wurden, tragen mit ihrer Passivität zum Stillstand bei.

euronews:
Wie Sie bereits gesagt haben, gibt es noch viele mutmaßliche Kriegsverbrecher. Vor allem Ratko Mladic, der frühere Militärchef der bosnischen Serben, der wegen Srebrenica angeklagt ist. Wie beeinflusst diese offene Wunde den Heilungsprozess?

Svetlana Broz:
Deswegen konnten wir bisher mit keinem Genesungsprozess beginnen. Außerdem halten leider nach wie vor viele Millionen Serben, auch in Bosnien, Mladic für einen Kriegshelden. Und es ist nicht nur unfair, sondern auch absurd, Serbien mit Visa-freien Reisen in die EU zu belohnen. Ebenso wie die Tatsache, dass es näher an einer EU-Integration dran ist als Bosnien mit all seinen unverheilten Wunden. Das war wie eine Art Auszeichnung dafür, Mladic zu verstecken.

euronews:
Sprechen wir nun über die Aussöhnung. Hilft oder behindert das komplexe politische System in Bosnien den Versöhnungsprozess der Menschen?

Svetlana Broz:
Diese Art System führt nur zu Stillstand in Bosnien und kann den Versöhnungsprozess nicht vorantreiben. Deswegen können wir von keiner Versöhnung auf breiter Ebene oder im gesamten Balkan sprechen. Wir sollten uns nun mit denen auseinandersetzen, die leugnen, was passiert ist. Es kann nicht funktionieren, an der Zukunft arbeiten zu wollen, ohne sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Vor dem Krieg lebten die Menschen in Bosnien zusammen. Heute sind sie geteilt: durch die Verfassung, durch Politiker und den Klerus, durch die, die alle einschüchtern wollen, um sich so Macht und Einfluss zu sichern. Das sehr komplexe politische System unterstützt Politiker und verhindert die Integration der Menschen. Deshalb kann man von keiner ernsthaften Aussöhnung auf breiterer oder gar nationaler Ebene sprechen.