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Genmanipulierte Lebensmittel im Streitgespräch

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Genmanipulierte Lebensmittel im Streitgespräch

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Ein Gegner und ein Befürworter der genmanipulierten Lebensmittel tauschen ihre Argumente aus – im Gespräch mit der euronews-Journalistin Audrey Tilve.

Audrey Tilve, euronews:
“Um dieses Thema zu vertiefen, wollen wir jetzt mit zwei Experten darüber diskutieren. Aus Paris ist uns Dr. Christian Vélot zugeschaltet, er ist Forscher für Molekulargenetik und sogennanter Whistleblower. Und in Sevilla sind wir mit Agusti Mariné verbunden, er ist Präsident des Maisproduzentenverbandes in Spanien, wo über 20% der Maisproduktion genmanipuliert sind. Monsieur Mariné, Sie selbst produzieren Mais auf traditionelle Weise, aber sie setzten sich dafür ein, dass die spanischen Maisbauern selbst bestimmen dürfen, was sie anbauen. Warum entscheiden sich viele für genmanipulierten Mais?”

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Jedes Jahr müssen sich die Bauern für eine Maiskultur entscheiden. Sie müssen entscheiden, welche Art von Samen sie auf ihren Feldern aussäen. Seit 11 Jahren haben wir bemerkt, dass diejenigen, die sich für genmanipulierten Mais entschieden haben, bessere Erträge erzielen, weil er resistenter ist gegen Insekten als normaler Mais. Daher entscheiden sich jährlich 70 -75% der Landwirte für genmanipuliertes Saatgut.”

euronews :
“Sind die Anbaukosten dann nicht höher?”

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Ja, die Produktionskosten sind höher. Aber die Rechnung ist einfach: das Saatgut ist teurer, dafür sparen wir an Insektenvernichtungsmitteln. Ohne Insektenbefall können wir die Produktion um bis zu 20% steigern.”

euronews:
“Christian Vélot, oft hört man das Argument, die Landwirtschaft sei von den Saatgutfirmen abhängig. Meinen Sie, dass genmanipulierte Pflanzen einmal rein wirtschaftlich gesehen schlecht für die Landwirte sind?”

Christian Vélot – Forscher für Molekulargenetik:
“Ja, denn den Saatgutfirmen geht es nur darum, ein Partent auf die Pflanzen zu haben, um sich die Kontrolle über die weltweite Ernährung zu sichern. Unter dem Vorwand, die Welt ernähren zu wollen, werden Landwirte zu Sklaven der Saatgutfirmen gemacht.”

euronews:
“Aber diese Abhängigkeit besteht doch schon lange, seit der Produktion von Hybrid-Saatgut. Das hat doch schon lange vor den gentechnisch veränderten Organismen angefangen, oder täusche ich mich da, Monsieur Mariné?

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Ich bin 40 Jahre alt und habe noch nie etwas anderes als Hybrid-Saatgut gesehen. Unveränderters Saatgut gibt es seit über 30 Jahren nicht mehr. Man bekommt es jedenfalls nicht mehr auf dem normalen Viehfutter-Markt.”

Christian Vélot – Forscher für Molekulargenetik:
“Genau und außerdem schafft das Patent eine Art juristisches Korsett für die Landwirte, die nichts gegen die Saatproduzenten machen können. Ich möchte aber noch mal auf den Vorteil von Genmais zurückkommen, der resistenter gegen Insekten ist. Denn das gilt nur für Monukulturen.” Wenn man jedes Jahr eine andere Maisart anbaut, gibt es das Problem des massiven Insektenbefalls nicht. Das Ganze ist also bloß eine Antwort auf ein Umweltproblem, das erst durch unsere globalen Anbaupraktiken entstanden ist.

euronews :
“Ein weiteres Grundsatzproblem ist das Nebeneinander von genmanipulierten und nicht genmanipulierten Organismen. Monsieur Mariné, in Spanien und in anderen Ländern hat es Fälle von ungewollter Kontamination gegeben. Kann man diese überhaupt verhindern?”

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Der Begriff Kontamination ist hier nicht angebracht, denn wir verseuchen ja nichts. Es geht um die Vermischungen beim Aussäen oder beim Bestäuben. Da kann es zu Überschneidungen auf den Feldern kommen. Das passiert selten, aber es kommt vor. Auch durch Mäh- oder Sähmaschienen kann es zur Vermischung von normalem und genmanipuliertem Saatgut kommen.

euronews: Und wie kann man das verhindern ?”

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Das Saatgut wird analyisert, um sicher zu sein, dass kein gentechnisch Verändertes darunter ist, dann reinigen wir die Maschienen. Dann schauen wir uns die Begrenzung der Felder an, damit wir beim Aussäen mindestens 20 Meter Abstand zwischen den einzelnen Feldern lassen. Seit 20 Jahren produziere ich so
nicht-genmanipulierten Mais in einer Region, in der zu 75 % genmanipulierter Mais angebaut wird.

euronews:
“Was meinen Sie dazu, Christian Vélot? Kann man die unfreiwillige Ausbreitung von Genmeis durch solche Regeln verhindern?

Christian Vélot – Forscher für Molekulargenetik:
“Eine saubere Trennung ist unmöglich. Wenn Monsieur Mariné sagt, er baue seit 20 Jahren genfreien Mais an, dann heisst das, dass er bis zu einem bestimmten Grad genfrei ist. Das ist ein politischer Kompromiss zwischen den Bio-Verfechtern und den Saatfirmen. Die EU erlaubt einen Anteil von 0,9 , aber sogenannter Biomeis von 0,8 ist ja schon genverseucht.

euronews:
“Sprechen wir auch über die Gesundheitsrisiken. Christian Vélot, welche Gefahren sehen Wissenschaftler heute in genmanipulierten Lebensmitteln?

Christian Vélot – Forscher für Molekulargenetik:
“Der Mais, über den wir reden, wurde verändert, damit er insektenresistent ist. Er produziert quasi sein eigenes Insektengift. Diese Pflanzen müssten also genau wie Pestizide mindestens zwei Jahre lang an Ratten getestet werden. Bisher geschieht dies aber maximal drei Monate lang, so dass es keine verlässlichen Angaben über chronische Langzeitwirkungen gibt. Diese genmanipulierten Pestizide werden heute also völlig unzureichend getestet. Und so werden die Bürger eben zu Versuchskaninchen.

euronews:
“Einspruch, Monsieur Mariné?”

Agusti Mariné vom spanischen Verband der Maisbauern:
“Das einzige was ich Ihnen in Bezug auf Lebensmittelsicherheit sagen kann ist, dass wir bei uns zum Beispiel regelmässig Kontrollen zu Pestizid- oder Mykotoxin-Resten im Saatgut durchführen und dass es davon weniger in genmanipuliertem Saatgut gibt als in normalem.

euronews:
“Meinen Herren, ich bedanke mich für diesen kurzen, aber sehr informativen Austausch”