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Kuba-Experte zur dortigen Wirtschaftslage

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Kuba-Experte zur dortigen Wirtschaftslage

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euronews:
Herr Mesa Lago, Sie kommen aus Kuba, sind jetzt US-Bürger und emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Latein- Amerika-Studien an der Universität Pittsburgh. Im Juni 2009 waren Sie zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder in Kuba. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage in Kuba ein? Befindet sich die Insel in einer Notsituation?

Carmelo Mesa-Lago:
Ja, die Insel ist in einer schlimmeren wirtschaftlichen Lage als in der Krise der 90er Jahre nach dem Fall des sozialistischen Lagers. Als ich in Havanna war, fragte ich viele Menschen, ob die aktuelle Situation der in den 93 und 94 vergleichbar sei, – die beiden härtesten Jahre der Krise ? Und die Antwort war fast einstimmig, wir sind noch nicht da, aber wir nähern uns dieser Lage.

euronews:
Was würden Sie als ökonom der kubanischen Regierung als dringendste Schritte empfehlen, um aus dieser Situation heraus zu kommen?

Carmelo Mesa-Lago:
Die Regierung hatte in der Landwirtschaft zum Beispiel Bauern Grundstücke angeboten, auf denen sie Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf anbauen durften. Diese Reform enthielt aber zu wenig Anreiz und zu viele Hindernisse für die Bauern.

Der jeweilige Vertrag sollte über 10 Jahre laufen und nur verlängert werden, wenn der Bauer alle seine Verpflichtungen erfüllt hatte, die aber in dem Gesetz nicht klar formuliert waren. Die Regierung hätte immer einseitig kündigen können, auch wenn der Bauer investiert hatte.
Die Reform hatte daher nicht den gewünschten Effekt: im ersten Quartal dieses Jahres verzeichneten wir einen deutlichen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion.

Für den am besten geeigneten Weg würde ich jenen halten, den China und Vietnam gehen. Das sind Länder, in denen traditionell Nahrungsmittel fehlen, in denen es immer wieder Hungersnöte gab.

Aber nach ihren Agrar-Reformen haben diese Länder jetzt ausreichend Nahrung. Vietnam liefert Reis nach Kuba. Und wie haben sie das in Vietnam geschafft? Sie haben Privatpersonen und Genossenschaften unbefristete Pachtverträge gegeben. So können die Bauern entscheiden, was sie anbauen wollen, an wen sie ihre Produkte verkaufen wollen – und vor allem: zu welchem Preis!

So etwas wäre in Kuba die erste Reform, um das Nahrungsmittelproblem zu lösen, von dem die Regierung sagt, dass es eines der gravierendsten Probleme ist,- da sind sich Alle einig. Darüber besteht Konsenz.

euronews:
Wie werten Sie das Schweigen von Raul Castro?

Carmelo Mesa-Lago:
Ich halte das für ein negatives Signal in Sachen Wirtschaftsreformen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass der Vize-Präsident der Republik Jose Ramon Ventura, der die Rede hielt, von einer Fortsetzung der Analysen sprach.

Davon, dass man Reformpläne ohne Eile, Schritt für Schritt untersuchen sollte, um nicht die gleichen Fehler wie in der Vergangenheit zu machen.

Ich interpretiere es so, dass mit Fehlern, von denen der Vizepräsident sprach, jene kleinen Änderungen gemeint waren, mit denen in den 90er Jahren einige Elemente der Marktwirtschaft eingeführt werden sollten.

In der Rede des Vizepräsidenten Machado, aber auch in jener des Parteichefs der Provinz Santa Clara, wurde die Bedeutung der Ideologie unterstrichen. Die Rede war von “ideologischem Kampf”, der an den “Kampf der Ideen” erinnerte, den Fidel zu Beginn des Jahrhunderts propagiert hatte. Dabei geht es auch um die Unterstützung für Venezuela in dessen Krieg mit Kolumbien.

Kurz vor dem 26 Juli wurde in Caracas ein sehr wichtiges Abkommen zwischen Venezuela und Kuba unterzeichnet. Es geht um 300 Projekte.

Die Zeremonie am 26 Juli war Simon Bolivar und der Solidarität mit Venezuela gewidmet: Weil Venezuela für das Überleben des kubanischen Systems entscheidend ist.