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Steven Erlanger: Ob jemand abgehört wurde, entscheidet nicht über Sarkozys Zukunft.

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Steven Erlanger: Ob jemand abgehört wurde, entscheidet nicht über Sarkozys Zukunft.

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Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy steckt erneut in der Krise. Im Bettencourt-Skandal beschuldigt ihn “Le Monde”, den Geheimdienst auf Informanten der Zeitung angesetzt zu haben. Auch im Ausland wird das so genannte “Sarko-Gate” wachsam verfolgt. Adrian Lancashire sprach mit Steven Erlanger, dem Korrespondenten der New York Times in Paris.

euronews:
Haben die französischen Medien in dieser Sache eher einseitig berichtet? Ist Sarkozy mit dieser Affäre am Ende?

Steven Erlanger:
Die französische Presse steht Parteien nahe, und jeder weiß, dass der Figaro hinter Sarkozy und den Konservativen steht, und Le Monde – immer noch eine gute Tageszeitung – etwas weiter links steht. Sie gehört jetzt prominenten Mitgliedern der Sozialistischen Partei. In dieser Weise sind die Medien aufgeteilt, das amerikanische Ideal der Objektivität gibt es nicht, man kann die politische Orientierung an der Berichterstattung erkennen.

Ob das Sarkozy zum Verhängnis wird? Nein, denke ich nicht. Es ist eine Menge vorgefallen, es sieht so aus, als ob er in der Krise steckt, aber bis zur nächsten Wahl hat er noch zwei Jahre Zeit. Krisen kommen und gehen, und ich glaube nicht, dass diese groß genug ist, ihn zu brechen, – eher die Bettencourt-Affäre! Die Frage, ob jemand abgehört wurde oder nicht, reicht dafür nicht aus.

euronews:
In einer Schlagzeile – im Economist – wird Sarkozy wegen seiner schwindenden Popularität als der “schrumpfende Präsident” bezeichnet. Wie wird er in anderen Ländern gesehen?

Steven Erlanger:
Ich glaube, er sorgt für etwas Verwirrung. Einige sehen ihn als einen Politiker besonderer Art. Sein Reformwille wird weithin begrüßt, aber seine Fähigkeit, Reformen durchzuführen, gilt als schwach, auch der Economist hat das, glaube ich, geschrieben. Er gilt als jemand mit großen Ideen, der sie dann aber nicht gut durchführt. Ich glaube, allgemein ist man von ihm enttäuscht.

euronews:
Kann man Vergleiche mit anderen Ländern ziehen wegen des Mißbrauchs staatlicher Einrichtungen bei politisch aufgeladenen Ermittlungen?

Steven Erlanger:
Ja, man muss aber sagen, dass es sich derzeit um Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen handelt. Le Monde sagt, Sarkozy habe den Lauschangriff auf den Journalisten angeordnet, aber der Elysee bestreitet das. Niemand bestreitet, dass der betreffende Beamte abgehört wurde. Von offizieller Seite heißt es, dies sei – so wörtlich – zum Schutz der Institutionen erfolgt, und dabei seien viele Anrufe bei dem Journalisten festgestellt worden. So sei man auf seine Spur gekommen, und nicht, weil man ihn abgehört habe. Wir werden sehen.
Es gibt viele derartige Fälle: In meinem Land, den USA, gab es Watergate. Präsident Nixon bediente sich schmutziger Tricks, er ließ abhören und einbrechen, um dem demokratischen Kandidaten zu schaden.
Es gibt eine lange Geschichte schmutziger Tricks in den meisten Demokratien.
Le Monde erhebt allerdings einen interessanten Vorwurf: Erst im Januar wurde ein Gesetz zum Schutz der Presse und ihrer Quellen verabschiedet, und Le Monde sagt nun, Sarkozy selber habe das neue Gesetz gebrochen. Warten wir’s ab.