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Verschwunden in Peru - Tausende warten auf die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen

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Verschwunden in Peru - Tausende warten auf die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen

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In Peru verschwanden bei Kämpfen zwischen einer linksgerichteten Guerilla-Organisation und der Regierung in den achtziger und neunziger Jahren rund 15.000 Menschen spurlos.

Seit zehn Jahren bemüht sich die Regierung um Aufklärung. Jedoch konnten bisher nur 10 Prozent der Vermissten gefunden und ihre sterblichen Überreste zu ihren Familien zurückgebracht werden.

In Ayacucho, einer der ärmsten Regionen Perus, begann die maoistische Guerilla-Organisation “Leuchtender Pfad” ihre blutige Kampagne gegen die Regierung. Von dort breiteten sich die Kämpfe immer weiter aus. Insgesamt starben dabei rund 70.000 Menschen.

Tausende wissen heute immer noch nicht, was mit ihren Familienangehörigen geschehen ist.

Damit die Exhumierung und Identifizierung der Toten einfacher wird, fordert das Rote Kreuz von Regierung und Kommunen eine Vereinfachung der Vorschriften.

Zudem unterstützt es Betroffene bei ihrer Suche nach Informationen und begleitet sie durch diesen schmerzhaften Prozess.

“Nach 25 Jahren des Wartens leben die Familien der Vermissten immer noch mit Ungewissheit und Schmerz,ohne zu wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Das verursacht viel Leid. Auch wenn sie davon ausgehen, dass sie tot sind, leben sie doch mit der Hoffnung, dass sie eines Tages an die Tür klopfen. Und diese Hoffnung bringt viel Schmerz mit sich.”

Raul Salvatierra Bautista und seine Schwester Marina haben 25 Jahre auf diesen Tag gewartet. Sie nehmen heute, beim Peruanischen Gerichtsmedizinischen Institut in Ayacucho, die sterblichen Überreste ihrer Mutter und Schwester in Empfang. Der Leuchtende Pfad tötete sie im Jahr 1984, während Raul und Marina in der Schule waren.

Viele Familien können sich eine solche Reise und die Bestattung nicht leisten. Hier hilft das Rote Kreuz. Es stellt Särge zur Verfügung, so dass die Familien die sterblichen Überreste würdig entgegennehmen können. Davor wurden Tote in Pappkartons übergeben.

Der Prozess, der damit verbunden ist, ist langwierig und komplex. Auch wenn ein Körper exhumiert wurde, kann es bis zu einem Jahr dauern, bis die forensische Arbeit abgeschlossen ist und die Familie die Überreste in Empfang nehmen kann.

Ohne sie, und ohne den Beweis des Todes, können Angehörige weder erneut heiraten, noch etwas erben oder Trauerfeiern abhalten. Auch das ist ein wichtiger Punkt für Raul Salvatierra Bautista.

“Es ist sehr wichtig für uns, mehr zu erfahren, und sie endlich christlich zu bestatten.
Als wir Kinder waren, fühlten wir nur Trauer und Einsamkeit…Endlich sind meine Mutter und Schwester bei mir zu Hause. Ich heiße sie mit sehr viel Liebe willkommen.”

Das Rote Kreuz bietet technischen Rat und Hilfe bei der gerichtsmedizinischen Ausbildung.

Bisher wurden 539 Körper exhumiert, identifiziert und den Familien übergeben, damit sie in Würde bestattet werden können.

Zudem bildet das Rote Kreuz auch Sozialarbeiter aus, wie Isabel Balbin.
Sie betreut rund 300 Frauen, darunter Lidia Flores.

Lidia Flores verlor ihren Mann 1984. Er war 32, als er verhaftet wurde und spurlos verschwand. Sie blieb allein mit ihren fünf Kindern zurück.
Lidia Flores sagt, dass ihr Mann sie in ihren Träumen aufgefordert hat, nach seiner Leiche zu suchen. Sie ist überzeugt, dass sie seinen Schädel und einige seiner Kleidungsstücke gefunden hat, aber ihre persönliche Identifizierung wurde vor Gericht nie anerkannt.
Ihre Probleme sind sowohl praktischer als auch emotionaler Natur:

“Es ist unmöglich, zu vergessen, denn ich bin mit unseren Kindern allein geblieben und habe viel gelitten. Wenn wir zusammengeblieben wären, wäre unser Leben irgendwie weitergegangen. Aber alle unser Pläne stürzten in sich zusammen. Ich wurde Witwe. Ich habe Schulden bei zwei Banken und habe nicht genug für meine Kinder.
Ich habe zu viel gelitten.”

“Als Sozialarbeiter sind wir bei der Exhumierung dabei und begleiten die Frauen, die Opfer von politischer Gewalt wurden. Denn ihre Gefühle sind unermesslich und wenn ihnen jemand zur Seite steht, fühlen sie sich nicht so allein.”

In Peru hat die Kommission “Wahrheit und Versöhnung” über 4600 Grabstätten entdeckt und mit der Aushebung einiger Massengräber begonnen.

Im Zentrum von Ayacucho stricken viele Frauen gemeinsam einen langen Schal für ihre verschwundenen Angehörigen, der die Namen und das Datum des Verschwindens der Personen zeigen soll.
Dabei können sie Erfahrungen und Informationen austauschen und ihrer Trauer und ihren Forderungen mehr Gewicht verleihen.

“Mein Vater verschwand 1983. Es wurde nie anerkannt und ich habe nie eine Entschädigung erhalten. Wenn sich die Wolle abwickelt, löst sich für mich alles, was ich seit dem Verschwinden meines Vaters aufgestaut habe.”

“Ich finde hier Frieden. Ich treffe andere Mütter; es ist wie eine Therapie. Wir lachen zusammen und reden miteinander.”

Männer, egal ob Soldaten oder Zivilisten, verschwanden am Häufigsten. Für die Hinterbliebenen bedeute das neben dem Verlust auch finanzielle Schwierigkeiten.

Ungefähr 76.000 Verwandte warten auf Entschädigung vom Rat für Wiedergutmachung.

Die Regierung hat nun versprochen, dass individuelle Entschädigungen ab 2011 ausgezahlt werden – sechs Jahre nachdem das Gesetz über die Wiedergutmachung in Kraft trat.