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Ramírez Heredia: "Wir werden die französische Regierung vor den Europäischen Gerichtshof bringen."

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Ramírez Heredia: "Wir werden die französische Regierung vor den Europäischen Gerichtshof bringen."

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Juan de Dios Ramírez Heredia ist Rom und hat es weit gebracht. Von Beruf Anwalt und Journalist ist er als Abgeordneter ins spanische Parlament eingezogen und hatte auch einen Sitz im Europäischen Parlament. Er war sogar an der Aufsetzung der spanischen Verfassung beteiligt. 2008 wurde ihm, als erster Rom weltweit, der Ehrendoktortitel verliehen. Er leitet heute die Nichtregierungsorganisation Unión Romaní.

Luis Carballo, euronews:
“Juan de Dios Ramírez Heredia, was halten Sie von den Roma-Ausweisungen in Frankreich und von dem Rundschreiben des Innenministeriums, das direkt auf die Roma abzielte?”

Juan de Dios Ramírez Heredia:
“Dieses Verhalten ist unwürdig für eine demokratische Regierung, vor allem, wenn es sich um die Regierung eines so wichtigen Landes wie Frankreich handelt. Aber was soll man machen? Sogar die besten Führungskräfte können den Verstand verlieren.”

euronews:
“Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, Frankreich zu bestrafen. Die Unión Romaní will auch rechtliche Schritte gegen Paris einleiten. Was genau haben Sie vor?”

Ramírez Heredia:
“Wir von der Union Romani wollen die französische Regierung vor den Europäischen Gerichtshof bringen. Falls die Europäische Kommission wirklich eine Klage einreicht, was ich jedoch bezweifle, dann werden wir diese Klage unterstützen. Wenn aber, aus welchem Grund auch immer, die Justizkommissarin ihre Ankündigung nicht in die Tat umsetzt, dann werden wir im Alleingang unsere Rechte verteidigen.”

euronews:
“Glauben Sie, dass diese Ausweisungen Folgen für Spanien haben werden?”

Ramírez Heredia:
“Die Befürchtung, dass die von Sarkozy ausgewiesenen Roma bald nach Spanien kommen, ist völlig unbegründet. Ich werde ihnen auch sagen warum.
Erstens ist es praktisch unmöglich. Sarkozy verfrachtet die Roma in einen Bus, der sie zum Flughafen bringt, wo sie in eine Maschine gesetzt werden. Er schickt sie nicht über die Pyrenäen, nach Spanien.
Ich werde Ihnen ein Geheimnis verraten, von dem eigentlich alle wissen. Ich habe vor kurzem einen Kollegen in Paris gefragt, ob er Neuigkeiten hat von den ersten Roma, die von Sarkozy ausgewiesen wurden. Er hat mir gesagt, dass sie alle schon längst wieder in Frankreich sind.”

euronews
“Sprechen wir nun über die Lage der in Spanien lebenden Roma, der “Gitanos”. Wenn man die Situation der “Gitanos” mit der, der Roma vergleicht, die aus Rumänien kommen, dann könnte man sagen, dass die Roma so leben wie die Gitanos vor 30 oder 40 Jahren. Greifen die Integrationsprogramme in Spanien?”

Ramírez Heredia:
“Sie greifen, aber so einfach ist das nicht. Es ist wie das Sprichwort so schön sagt: “Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.”
600 Jahre Verfolgung, das verschwindet nicht von heute auf morgen. In unserem Volk ist die Analphabetismus-Quote noch ungeheuer hoch. Die verschiedenen Programme tragen langsam ihre Früchte, doch es gibt keine Wunder.”

euronews:
“In der spanischen Gitano-Gemeinschaft sind die Elendsviertel nur ein Restproblem. Was sind heute die größten Herausforderungen?”

Ramírez Heredia:
“Es gibt in der Tat immer weniger Elendsviertel. Die Programme für die Abschaffung der Baracken hat Früchte getragen. Aber unser Volk leidet immer noch an einem Mangel an Ausbildung. Sobald die “Gitanos” in der Lage sind, für ihre kulturelle Identität einzustehen, wird das gesellschaftliche Zusammenleben einfacher sein.”

euronews:
“Gibt es noch Diskriminierung oder Rassismus gegenüber den spanischen Roma, den “Gitanos”?”

Ramírez Heredia:
“Ich würde es nie wagen zu sagen, dass Spanien ein rassistisches Land ist. Erstens, weil ich es nicht mag, wenn die Leute sagen, dass alle Zigeuner lügen, stehlen und faul sind. Unter den “Gitanos” gibt es genauso viele Faule, Lügner und Diebe, wie unter den Nichtzigeunern, den sogenannten “Payos”. Laut dem Eurobarometer ist der Rassimus in Spanien sehr niedrig.”

euronews:
“Gibt es positive Diskriminierung?”

Ramírez Heredia:
“Ich habe nichts gegen positive Diskriminierung, im Gegenteil. Ich bin dafür, denn dadurch kann man das Gleichgewicht wiederherstellen. Vielleicht werden wir in einer nicht allzu fernen Zukunft alle die gleichen Startchancen haben.
Das ist leider eine Illusion. Es wird nie eine Chancengleichheit geben und deswegen muss die positive Diskriminierung im großen Stil angewandt werden.”

euronews:
“Das Nomandentum der Roma wird immer als Grund für die Integrationsprobleme angeführt. Die spanischen Roma sind mittlerweile fast alle sesshaft, doch die Probleme sind immer noch die gleichen. Wenn die “Gitanos” in Vierteln untergebracht werden, klagen die Nachbarn. Und die Eltern protestieren, wenn “Gitanos” in die gleiche Schule wie ihre Kinder gehen. Was nun?”

Ramírez Heredia:
“Wissen Sie wir werden uns nie von diesem Stigmat befreien können. “Alle Zigeuner sind faul, stehlen und lügen.” Noch heute gibt es spanische Mütter, die keine Rassistinnen sind und trotzdem zu ihren Kindern sagen: “Wenn du nicht aufisst, dann kommt der Zigeuner und nimmt dich mit.” oder “Dieser Junge ist dreckiger als ein Zigeuner.” Die Vorurteile sind immer noch da. Es ist schwierig diese Einstellungen zu ändern, aber wir sind auf dem richtigen Weg.”

euronews:
“Sie haben gesagt, dass die “Payos” von Zeit zu Zeit wie “Gitanos” leben sollten. Was würde sich dadurch ändern?”

Ramírez Heredia:
“Die “Payos” leben nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben damit zu arbeiten. Das ist nicht gut. Wir, die “Gitanos” haben eine andere Lebensphilosophie. Wir wollen nicht leben, um zu arbeiten, sondern vielmehr nur so viel arbeiten, wie nötig ist, um gut leben zu können. Allein dieser Gedanke enthält eine ganze Philosophie, eine andere Sicht auf Gesellschaft und Menschheit.”

euronews:
“Könnten Sie uns sagen, was es bedeutet, heute Roma in Spanien zu sein?”

Ramírez Heredia:
“Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist, dass “Gitanos” ein besonderes Leben führen.
In 50 Jahren wirst du nicht Gitano sein, weil deine Mutter oder dein Vater Gitano war oder weil du Roma-Vorfahren hast, sondern weil du wie ein Roma lebst, und eine bestimmte Lebensphilosophie hast.”

euronews:
“Sie haben den Beweis erbracht, dass man als Roma Erfolg haben kann, ohne unbedingt Torrero oder Flamenco-Sänger zu sein. Sehen Sie sich als ein Vorbild oder als eine Ausnahme?”

Ramírez Heredia:
“Ich hatte Glück. Ich möchte kein Vorbild sein, aber es stimmt schon, dass ich eine Zeitlang die Ausnahme war. Heute hat sich das geändert.
Ich verdanke das alles meiner Mutter. Sie war Analphabetin, konnte weder lesen noch schreiben. Alle in meiner Familie waren Analphabeten. Aber meine Mutter wollte, dass ich zur Schule gehe. Dadurch hat sich alles geändert.
Die Rassisten hören das, was ich Ihnen gleich sage nicht gerne: die spanische Verfassung trägt meine Unterschrift, die Unterschrift eines “Gitanos”. Ich sage das immer wieder, denn ich muss mich schließlich auf irgend eine Art und Weise behaupten.”