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Interview Carlos Lessa zur brasilianischen Präsidentschaftswahl

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Interview Carlos Lessa zur brasilianischen Präsidentschaftswahl

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Der Wirtschaftsprofessor Carlos Lessa hat die brasilianische Entwicklungsbank geleitet und ist jetzt einer der beiden Kandidaten für den Posten des Präsidenten der Universität von Rio de Janeiro.

euronews:
Warum unterstützen Sie die Kandidatur von José Serra und nicht jene der Lula-Favoritin Dilma Rousseff, die doch als Garant gilt für die Fortsetzung der so erfolgreichen gegenwärtigen Wirtschaftspolitik?

Carlos Lassa:
Zunächst weil ich nicht mit der Politik der Zentralbank einverstanden bin.
Und Dilma steht für eine Fortsetzung der Politikform, wie sie der aktuelle Präsident betreibt.

euronews:
Warum ist diese Frage so wichtig bei Ihrer Entscheidung zwischen den Kandidaten?

Carlos Lassa:
Kurz gesagt: Der chinesische Yuan wurde gegenüber dem Dollar nur um 3 Prozent aufgewertet.
Wissen Sie, welche Währung die stärkste Aufwertung gegenüber dem Dollar erfuhr?
Das ist der Real! Was bedeutet, dass Brasilien dabei ist, seine Rolle als Exporteur von Industrieprodukten zu verlieren und zurückfällt auf die Position eines nur Rohstofflieferanten.

euronews:
Herr Professor, gibt es denn grundlegende Unterschiede in den Wirtschaftspositionen der beiden Kandidaten? Zumal die Wirtschaft wohl nicht das zentrale Feld des Wahlkampfes ist.

Carlos Lassa:
Nein. Meine Analyse besagt, das Prestige von Lula ist mit fast 80 Prozent Zustimmung gigantisch.
Sowohl dessen offizielle Kandidatin als auch der Kandidat der Opposition, José Serra, würdigen die Person der Präsidenten.
Daher dürfte die Debatte der beiden eher als ihre Programme zeigen, wer von beiden kompetenter ist.

euronews:
Worin werden die Prioritäten der kommenden Präsidentschaft bestehen?
Es wird zum Beispiel viel davon gesprochen, dass kurzfristig das Problem der Inflation gelöst werden müsse, was Sie auch sagen.
Die Aufwertung des Real kann den Export behindern. Was sagen die Kandidaten dazu?

Carlos Lassa:
Brasilien hatte in den vergangenen 50 Jahren zeitweise 7 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsproduktes.
In den letzten 25 Jahren lag das Wachstum dann zumeist bei 2,5 Prozent, unter Lula wurde es ein wenig angehoben auf 3 Prozent.
Das ist aber ein eher mittelmäßiges Wachstum.
Deshalb ist es für das Land von grundsätzlicher Bedeutung, die Investitionsrate zu erhöhen, das heisst, das Verhältnis zwischen Investition und BIP.
Brasiliens Investionsrate ist aber sehr, sehr niedrig, sie liegt nur bei 18 Prozent. Das ist schlimm.
Wir brauchen mindestens 22 Prozent, um ein Wirtschaftswachstum von jährlich 5 Prozent zu garantieren.
Aber das erlaubt die Politik der Zentralbank nicht.
Ich bin für Josè Serra, weil ich überzeugt bin, dass er als Präsident den Chef der Zentralbank auswechseln und damit die gegenwärtige Geldpolitik ändern würde.

euronews:
Wenden wir un s einem anderen wichtigen Thema zu. Man spricht zur Zeit auch viel über den gewaltigen Binnenmarkt Brasiliens und über die Notwendigkeit, die Sozialpolitik fortzusetzen.
Glauben Sie, dass das neue internationale Gewicht Brasiliens die sozialen Maßnahmen schmälern könnte?

Carlos Lassa:
Dafür sehe ich keinen Grund, denn Brasilienes Sozialmaßnahmen sind bedauerlicherweise im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft sehr, sehr gering.Gigantisch sind hingegen die Zinsen.
Um sich davon ein Bild zu machen, muss man wissen, dass nur 37 Prozent des nationalen Reichtums Brasiliens wirklich durch Arbeit geschaffen werden – 63 Prozent hingegen stammen aus irgendwelchen Renditen.
Diese Politik der hohen Zinsen ist zwar effektiv als Anti-Inflations-Politik – aber der Preis dafür ist wirtschaftliche Stagnation.