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Ökonom Andre Sapri: Besser ständige Weiterbildung als früher Rente

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Ökonom Andre Sapri: Besser ständige Weiterbildung als früher Rente

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Andre Sapir ist Professor für Ökonomie an der freien Universität von Brüssel.
Herr Professor, die Franzosen sagen, sie verstünden die Notwendigkeit von Veränderungen. Trotzdem sagen sie auf der Straße “NEIN” zur Rentenreform, ebenso wie vor 15 Jahren.
Verstehen Sie das als Ablehnen der Logik, wer länger lebt soll auch länger arbeiten?

Andre Sapir
Zweifellos ist das zum Teil so, das macht die Schwierigkeit des sozialen Dialogs aus in einem Land wie Frankreich.
Es ist ein altes Problem, aber eben sehr kompliziert in einem Land wie Frankreich.

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Warum so besonders schwierig?

Andre Sapir
Eine französische Besonderheit ist der extrem niedrige Grad der gewerkschaftlichen Organisiertheit. Die Gewerkschaften sind wenig representativ, haben aber aktive Mitglieder.
Und die Behörden sind für sie keinen vertauenswürdige Gesprächspartner. Und da, so denke ich, macht auch der Staat oft etwas falsch.
In Frankreich fehlt es häufig am Dialog, ich denke, das ist der Grund für diese Not.
Außerden denke ich, die Bereitschaft, zwei Jahre länger zu arbeiten, ist nicht groß.

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Schauen wir auf eine andere französische Logik. Die Schüler protestieren gegen die Rentenreform mit dem Argument, wenn die Alten länger arbeiten müssen, nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg. Stimmt diese Rechnung?

Andre Sapir
Nein. An dieser Rechnung stimmt absolut nichts. Man sieht doch, in den Ländern, in denen der Beschäftigungsgrad von Menschen über 55 sehr viel höher liegt als in Frankreich, treibt das nicht die Arbeitslosigkeit hoch. Im Gegenteil.
In den skandinavischen Ländern mit ihren sehr hohen Beschäftigungsraten ist die Jugendarbeitslosigkeit besonders niedrig – und gleichzeitig stehen dort besonders viele über 55jährige noch im Arbeitsprozeß.

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Könne Sie einmal ein Bild entwerfen von der Rentenlage in Europa im Jahr 2030. Werden dann 70jährige arbeiten?

Andre Sapir
Die Leute werden in Europa länger arbeiten. Es gibt aber noch einen anderen Posten in der Rechnung, der oft vergessen wird. Neben der quantitativen Seite der Arbeit – also der Jahre – gibt es eine qualitative.
Sehen Sie sich die Entwicklung in Europa an. Da haben sich nicht nur die Bildungssysteme geändert, da gibt es auch die ständige Weiterbildung.
Nehmen Sie ein Land wie Frankreich, oder wie mein Land belgien, wo weniger als 10 Prozent der
25 – bis 60jährigen sich ständig weiterbilden.

In den skandinavischen Ländern liegt deren Anteil bei 25 bis 30 Prozent!
Natürlich wird es nötig werden, länger zu arbeiten.
Und je weniger man den Menschen die Mittel zur Weiterbildung gibt, wodurch sie länger produktiv bleiben, um so eher riskiert man, dass die soziale Situation sich verschlimmert.