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Prinz-von-Asturien-Preisträger Amine Maalouf im Interview

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Prinz-von-Asturien-Preisträger Amine Maalouf im Interview

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Der 61-jährige französisch-libanesische Schriftsteller Amin Maalouf erhielt dieses Jahr den Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur, eine der renommiertesten Auszeichnungen Spaniens. Sein Werk wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Maalouf ist ein zeitgenössischer Autor, der die mediterrane Kultur als symbolischen Raum des Zusammenlebens und der Toleranz zelebriert. Diese Auszeichnung ist nicht seine erste: er gewann bereits den Prix Goncourt in Frankreich.

euronews:
Amine Maalouf, Sie haben den diesjährigen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur gewonnen. Ist dieser Preis etwas besonderes für Sie? Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Amine Maalouf:
Dieser Preis ist tatsächlich etwas Besonderes, da meine Beziehung zu Spanien schon lange und intensiv besteht. Mein erster Roman ‘Leo Afrikanus’ begann in Spanien. Andalusien hat in der Geschichte eine große Bedeutung. Hier trafen verschiedene Kulturen aufeinander: die arabisch-islamische, die spanisch-europäisch-christliche sowie die jüdische trafen sich hier in einer wichtigen Epoche. Ich denke, dass wir heute uns heute an diese Zeit erinnern sollten.

euronews:
Heißt das, es geht eher um eine Begegnung von Kulturen als um einen Konflikt derselben?

Amine Maalouf:
Ich bin kein Anhänger von Huntingtons Theorie vom Kampf der Kulturen. Selbst wenn es diesen so genannten Kulturenkampf gibt, sollte man dagegen ankämpfen. Das ist nicht das Schicksal der Welt, nicht ihre Zukunft oder gar der natürliche Zustand zwischen den Völkern. Diese Situation ist absurd und sollte überwunden werden. Die Menschheit hat sie bereits unter anderen Umständen überwunden, das müssen wir jetzt erneut tun. Denn die Welt hat keine andere Wahl als zu einer Art des Ko-existenz zu finden, nicht nur der Völker, sondern auch der einzelnen Menschen.

euronews:
Glauben Sie, dass Europa als vielschichtiger Raum und Staatengemeinschaft diese Idee tatsächlich verwirklichen kann?

Amine Maalouf:
Der europäische Raum muss darin als Beispiel vorangehen, denn Europa hat die Möglichkeit, die Probleme zu lösen. Aber ich bin zutiefst überezeugt, dass wir diesen Weg noch nicht eingeschlagen haben. Man muss den Menschen – besonders den jungen – vermitteln, dass friedliche Koexistenz etwas ist, was man sein Leben lang lernt und übt.

euronews:
Sie haben als Schriftsteller 14 Werke veröffentlicht. Ein Leitmotiv, das sich durch alle Werke zieht ist der Geist der Versöhnung und der Toleranz. Es gibt ja den Gedanken des Weltenbürgers, wäre das vielleicht die geeignte Vision für eine neue Welt?

Amine Maalouf:
Das ist vielleicht eine Utopie, aber genau die brauchen wir heute. Unsere heutige Welt hat sich materiell gesehen sehr verändert, aber die Mentalitäten sind dieselben geblieben.
Ein arabischer Dichter im siebten Jahrhundert sagte einmal: Wenn ich aus Erde geschaffen worden wäre, gehörte die ganze Erde mir und alle Menschen wären meine Verwandten. Ich denke wir sollten diesen Gedanken heute aufgreifen. Das Schicksal der Menschheit und der Welt ist ein gemeinsames Schicksal.

euronews:
Aber Sie kritisieren den Westen sehr scharf und sagen, dass sein Verhältnis zu anderen Welten geradezu unmoralisch sei.

Amine Maalouf:
Das stimmt. Trotzdem denke ich, dass der Okzident bestimmten Prinzipien verhaftet ist. Nur dass er diese seit Jahhunderten nicht mehr in seinen Beziehungen zu anderen befolgt. Mit anderen Worten: Großbritannien in England war in Indien nicht Großbritannien. Frankreich war in Algerien oder Madagaskar nicht Frankreich. Belgien war im Kongo nicht Belgien. Und so sehr die Supermacht USA zuhause eine großartige Demokratie sind, haben sie diese Prinzipien bei ihren Aktivitäten in Südamerika und anderen Teilen der Welt nicht anwenden können.

euronews:
Wie etwa im Irak.

Amine Maalouf:
Wie überall. Die Menschen müssen ihre Prinzipien nicht nur bei sich zuhause befolgen, sondern auch im Umgang mit dem Rest der Welt.

euronews:
Man erzählte mir, Sie hätten geweint, als der Irak kapitulierte.

Amine Maalouf:
Nein, was mich zum Weinen brachte war der Beginn des Religionskriegs im Irak. Das quälte mich sehr. Was ich in den vergangenen Jahren im Irak sah, war wirklich zum Weinen.

euronews: Als die Wirtschaftskrise die Welt erschütterte, attackierten Sie den Kapitalismus. Sie bezeichneten ihn gar als Raubtierkapitalismus und machten ihn für alle jüngsten Katastrophen verantwortlich. Spricht da heute ein Amin Maalouf, der als Jugendlicher Hammer und Sichel auf seinen Kalender kritzelte gewissermaßen aus sozialistischer Sicht?

Amine Maalouf:
Nein, ich denke, dass das Scheitern der Regimes, die mit der Berliner Mauer fielen eine Lektion ist, an die wir uns erinnern sollten. Sie waren nicht die Lösung. Die Lösung ist der Kapitalismus, aber eben nicht irgendeiner. Jedenfalls kein Kapitalismus, der die Wirtschaft als eine Art große Spielbank betrachtet, in der ein paar Leute mit dem Schicksal von Millionen anderen spekulieren. Was wir heute brauchen ist eine Wirtschaft mit einem Mindestmaß an Humanismus, die den Menschen und bestimmte Werte respektiert.

euronews:
Kommen wir auf Identitäten zu sprechen. Sie sind Libanese, Christ, Araber, Franzose, Europäer. Welche dieser Identitäten hat am meisten mit Amin Maalouf zu tun?

Amine Maalouf:
Einmal fragte jemand eine Bäuerin: welchen Deiner Söhne liebst du mehr. Sie sagte, den Kranken, bis er wieder gesund ist und den Abwesenden, bis er wieder da ist. Ich sage dasselbe über meine Identität. Ich leide, wenn es Probleme im Libanon gibt und fühle mich dann libanesisch. Wenn es Probleme in Europa gibt, benehme ich mich wie ein Europäer.