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Stuttgart 21 - ein Riss geht durch die Stadt

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Stuttgart 21 - ein Riss geht durch die Stadt

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Jeden Montag und jeden Samstag macht sich Familie Busch-Walka auf den Weg, um zu demonstrieren. Schon seit einem Jahr protestieren sie gegen Stuttgart 21. Zu den ersten Demos gegen eines der größten Bahnprojekte in Europa kamen nur etwa 40 Leute, inzwischen machen sich in der ansonsten so friedlichen Schwabenmetrole jede Woche Tausende lautstatk bemerkbar.

OBEN BLEIBEN lautet eine der Parolen der Gegner von Suttgart 21, sie sind gegen den mehr als 4 Milliarden Euro teuren unterirdischen Bahnhof. Und sie wollen den Schlosspar erhalten. Auch die Befürworter von Stuttgart 21 demonstrieren mittlerweile – als Reaktion auf die Demos der Gegner. In einer deutschlandweiten Umfrage haben sich 53 Prozent für einen Baustopp ausgesprochen.

Bei Familie Busch-Walka ist der Großvater am aktivsten. Er hat sogar eine Internetseite gegen Stuttgart 21, auf der er täglich Leserbriefe, Karikaturen etc veröffentlicht, und Siegfried Busch sagt: “Ich bin aus der CDU ausgetreten, sobald der erste Stein von der Nordfassade gefallen ist. (…) Ich möchte unbedingt den Volksentscheid, ich kann mir keine andere Lösung denken, denn;der Riss in der Bevölkerung ist so groß – weit über Stuttgart hinaus. Und die Politik ist am Ende ihres Lateins angelangt.”
Seine Tochter erklärt lachend: “Ich habe vorher nie demonstriert, ich hab immer nur Geige geübt.”
Die Geigerin, Musikprofessorin und Mutter Christine Busch hat auch ganz persônliche Argumente: “Wir sind sehr viel unterwegs gewesen mit dem Kinderwagen und Gepäck als die Kinder noch ganz klein waren – mit der Bahn. Und da ist so ein Kopfbahnhof einfach unschlagbar. Alle Durchgangsbahnhöfe, wo man auf Rolltreppen und Aufzüge angewiesen ist, da muss man warten, es funktioniert nicht, man kommt in Hektik. Also ich glaube einfach nicht, dass es besser wird: es werden nur noch halb soviele Gleise sein, es gibt so viele Kritiker, ich habe einen ganzen Katalog von Gründen gegen Stuttgart 21.”

Die Deutsche Bahn versucht mit einer Ausstellung im Stuttgarter Bahnhof zu überzeugen. Sie nennt Stuttgart 21 das “neue Herz Europas” durch die Anbindung an die sogenannte “Magistrale” – eine Schnellzugverbindung von Paris bis Bratislava. Bei der Kommunikation der Vorteile von Stuttgart 21 hat es große Probleme gegeben, das ist heute allen klar. Zwei neue Sprecher sollen das vor allem von der deutschen Bundesregierung, der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg finanzierte Mammutprojekt jetzt besser erklären. Einer der beiden Sprecher ist der Unternehmer Wolfgang Dietrich. Er erklärt: “ Ein Teil der Vorteile von Stuttgart 21 zeigt sich am Modell, nämlich die Erschließung von 100 Hektar neuer Flächen für Park, für Wohnen und für Arbeiten. Und zwar alles Flächen, wo heute eine Gleiswüste besteht. Da entsteht dann einerseits ein Park, andererseits ökologisches Wohnen für etwa 24 000 Menschen und darüber hinaus für etwa 15.000 Büroangestellte, Arbeitsplätze in Büroräumen.”

Fünfzehn Jahre sollen die Bauarbeiten dauern. Die fast fertiggestellte Bibliothek bezeichnet der Stuttgarter Volksmund nicht sehr liebevoll als Bücherknast. Es soll auch ein 500 Millionen Euro teures Einkaufszentrum entstehen. Kritiker sprechen vom schwäbischen Filz oder gar von der Maultaschen- und Spätzle-Connection.

Im Stuttgarter Bahnhof sind nicht alle begeistert. Eine Frau meint: “Ich bin total dagegen. Erstmal kostet’s nen Haufen Geld. Und zweitens: was sollen wir mit so nem blöden Bahnhof, wir haben einen schönen Bahnhof, wenn der saniert wird und gerichtet wird, dann ist’s wieder ganz toll. Als Stuttgarterin demonstriert man gegen Stuttgart 21.”
Ein Mann, der sein Büro gleich neben dem Bahnhof hat erklärt: “Ich hab viele Freunde, die dafür sind und viele Freunde, die dagegen sind. Und ich selber kann das kaum überschauen, deshalb halt ich einen Volksentscheid für nicht ideal, weil ich mich für grundsätzlich gut informiert halt, aber das Gefühl habe, ich habe gar nicht die Zeit, mich so tief damit zu befassen, dass ich wüsste, was in diesem Fall richtig wäre.”

Ob bei einem Referendum in ganz Baden-Württemberg eine Mehrheit gegen Stuttgart 21 stimmen würde, das gilt nicht als sicher. Viele Befürworter sprechen von einer stillen Mehrheit. Und für die Befürworter zählen vor allem wirtschaftliche Argumente. Eine junge Frau sagt: “Das schafft Arbeitsplätze. Ich fahre soviel mit der Bahn, und es ist jedes Mal ein großes Ding, um nach Ulm oder sonstwohin zu kommen. Das geht dann auf jeden Fall viel schneller.”
Auch ein Mann im Anzug ist klarer Befürworter:
“Es ist dringend notwendig, dass Stuttgart einen neuen Bahnhof kriegt, dass Stuttgart an die Magistrale angebunden wird und dass Geld nach Stuttgart kommt insgesamt. Das Geld ist ohnehin für den Verkehr quasi gebunden, und so kommt es zu uns, das ist gut und wichtig. Man hat ewig darüber diskutiert, was gut ist, und man hat sich dafür entschieden.”
Ein älteres Ehepaar ist extra für die Montagsdemonstration aus dem Umland angereist. Sie lieben Stuttgart und den Park. Auf die Frage, ob sie wegen Stuttgart 21 anders wählen, sagen sie:
“Auf jeden Fall, wir waren CDU-Anhänger, wir waren CDU-Wähler, aber irgendwie kommen wir uns nicht gut behandelt vor derzeit.”

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus könnte der Streit sein Amt kosten – in einem Bundesland, das die CDU seit 1953 regiert. Die Kanzlerin Angela Merkel hat die Lantagswahl Ende März zum Volksentscheid über Stuttgart 21 erklärt. Der 44jährige Mappus brauchte lange, bevor er bereit war, eigene Fehler einzugestehen. Jetzt sagt er: “Deshalb möchte ich auch mit jenen, die bisher nicht überzeugt sind von Stuttgart 21, in den Kontakt kommen und über genau diesen Prozess, den wir jetzt anstossen, soviel wie möglich Menschen überzeugen und damit logischerweise auch Vertrauen gewinnen. Ich habe zwar die Hoffnung, aber nicht unbedingt den Glauben, dass mir das bei allen gelingt, aber ich bin der Überzeugung, dass es bei einem sehr erheblichen Teil der Menschen gelingen wird.”

Draußen lauern die Demonstranten mit Krokodil König Mappus-Schnappus. Das Pappkrokodil soll die sture Haltung des Ministerpräsidenten zeigen, der nicht bereit war, die 90 000 Unterschriften für einen Baustopp entgegenzunehmen.
Da hat ein ansonsten eher diskreter Politiker gut Lachen: Winfried Kretschmann von den Grünen könnte Stefan Mappus als Regierungschef ablösen, wenn die Umfragen recht behalten. Denn darin kamen die Grünen in Baden-Württemberg auf spektakuläre 32 Prozent und zusammen mit der SPD auf eine absolute Mehrheit. Winfried Kretschmanns Grüne waren die einzige Partei, die im Landtag gegen Stuttgart 21 gestimmt hat.
Winfried Kretschmann will vor allem auf dem Teppich bleiben – auch wenn der Teppich fliegt, wie er sagt: “Nur solange es den Protest nicht gab, wurden wir nicht wirklich ernst genommen in diesem Landtag, obwohl alle Fakten für uns sprachen. Sogar die Kostenexplosion ist ja von den Befürwortern selber bestätigt worden. (…) Da müssen sich diese Leute jetzt nicht wundern, wenn die kritische Bürgerschaft das eben nicht mitmacht – und das ist gut.”
Nach dem Protest gegen Stuttgart 21 hat ein Umdenken eingesetzt in Deutschland – besonders nach jenem blutigen Donnerstag, als die Sicherheitskräfte am 30. September im Schlosspark mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Demonstranten vorgegangen waren. Auch in anderen europäischen Ländern wird diskutiert, wieviel direkte Demokratie notwendig ist. Bürger könnten an den Entscheidungen für oder gegen Großprojekte beteiligt werden. Inzwischen sollen sie die Bäume im Stuttgarter Schlosspark beschützen: Plüschtiere wie ein kleiner an einen dicken Baum gebundene Teddybär.