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Braucht die Welt die NATO noch?

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Braucht die Welt die NATO noch?

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Der Afghanistan-Krieg, das Verhältnis zu Russland – nur zwei der Themen, die die NATO anpacken will, wenn sie ihre neue Strategie für das nächste Jahrzehnt definiert.

Sarwar Kashmeri, Unternehmensberater für strategische Kommunikation in den USA, der sich als Autor bereits mit den Folgen der Anschläge vom 11. September und dem Irakkrieg auseinandersetzte, bringt in Kürze sein neues Buch auf den Markt: “NATO 2.0: Reboot or Delete”, auf deutsch so viel wie “NATO: Neustarten oder löschen”.

euronews fragte ihn nach seiner Einschätzung – sollte man die NATO neustarten?

euronews:
“Vor 61 Jahren wurde das Militärbündnis gegründet- brauchen wir die NATO in der heutigen Welt noch?”

Sarwar Kashmeri:
“Ich glaube, wir brauchen sie immer noch, denn sie ist eine sehr wertvolle Organisation, aber sie wird verliert immer mehr an Relevanz.”

euronews:
“Glauben Sie, dass die NATO das nächste Jahrzehnt überleben kann?”

Sarwar Kashmeri:
“Ich denke, sie wird weiter an Boden verlieren, solange die USA nicht direkt mit der EU sprechen und einen langfristigen Plan aufstellen, solange sie die NATO nicht mit der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU verbinden und einen Großteil der laufenden Sicherheitspolitik in Europa den Europäern übergeben, aber weiter daran beteiligt bleiben.”

euronews:
“Afghanistan bleibt die bislang größte Mission des Bündnisses. Hat sie die Grenzen der NATO gezeigt?”

Sarwar Kahmeri:
“Sie hat nicht nur die Grenzen der NATO aufgezeigt, sondern meiner Ansicht nach auch die Unfähigkeit des Bündnisses, seine Funktion zu erfüllen. Wie wir den NATO-Abzug aus Afghanistan hinbekommen, das wird eine zunehmend wichtige Frage. Wenn wir da nicht vorsichtig vorgehen, werden wir sehen, wie die NATO die Glaubwürdigkeit, die sie noch hat, verliert.”

euronews:
“Im Zentrum der NATO-Strategie steht weiterhin das grundlegende Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung. Würde dies zum Beispiel auch bei einem massiven Cyber-Angriff funktionieren?”

Sarwar Kashmeri:
“Eine wirklich gute Frage. Ich glaube nicht, dass das funktionieren kann. Denn wenn Sie zum Beispiel an Estland denken, das vor ein paar Jahren binnen weniger Stunden durch einen Internet-Angriff in die Knie gezwungen wurde, und dessen Präsident die NATO um Hilfe bat: Da haben sie sehr schnell festgestellt, dass dies kein Fall für den Artikel 5 der NATO ist. Und das Bündnis war nicht in der Lage zu helfen und ist immer noch nicht dazu in der Lage.”

euronews:
“Washington hat einige Reformpläne bei der Sicherheit, zum Beispiel den Raketenabwehrschild. Ist das immer noch ein realistisches Ziel?”

Sarwar Kashmeri:
“Ich bin sehr skeptisch bei der ganzen Raketenabwehr. Aus mehreren Gründen. Zum einen – wer bezahlt das? Meine jüngste Information dazu besagt, dass die Vereinigten Staaten die gesamte Rechnung begleichen. Das andere Thema ist Russland, das um Beteiligung gebeten wurde. Ich halte es für eine gute Idee, Russland in die Gespräche einzubeziehen. Aber ich möchte Ihnen gern von einem Gespräch erzählen, das ich vor kurzem mit einem hochrangigen Russen in Brüssel hatte: Ich fragte ihn nach der netteren, freundlicheren NATO, er schaut mich an und sagt, ‘Es gibt da ein altes russisches Sprichwort: Wenn deiner Großmutter Barthaare wachsen, wird sie dann dein Großvater?’ Ich nenne das hier als Beispiel nur für einige der Schwierigkeiten, denen wir uns auf dem weiteren Weg gegenübersehen werden. Meiner Meinung nach ist es das falsche Thema, um es zuoberst beim NATO-Gipfel in Lissabon zu diskutieren. Was Präsident Obama machen sollte, ist, über eine Verknüpfung der NATO und der EU zu beraten, und ein Projekt anzustoßen, bei dem die Außenminister der USA und Kanadas sich mit der EU-Außenbeauftragten Ashton treffen und zusammen die Details ausarbeiten.”