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Chef des NATO-Militärausschusses zu Herausforderungen im 21. Jahrhundert

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Chef des NATO-Militärausschusses zu Herausforderungen im 21. Jahrhundert

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Der italienische Admiral Giampaolo Di Paola leitet den NATO-Militärausschuss. Das ist das höchste militärische Entscheidungs- und Beratungsorgan, zusammengesetzt aus den Stabschefs aller an der militärischen Integration beteiligten Staaten.

Welchen Herausforderungen sieht sich das Bündnis im 21. Jahrhundert gegenüber?

Admiral Giampaolo Di Paola:
Die Herausforderungen sind klar. Es sind im 21. Jahrhundert eben nicht mehr die gleichen Bedingungen und Bedrohungen, die wir aus dem Kalten Krieg kannten. Sie heissen aktuell Terrorismus, schwache oder völlig zusammengebrochene Staaten, sie heissen Cyber-Angriff und Energiesicherheit, und dazu kommt die Verbreitung von Atomwaffen.

Grundsätzlich muss die NATO ihr strategisches Konzept ändern – ich erwarte, dass das in Lissabon geschieht – um sich den neuen Sicherheitsaufgaben anzupassen. Gemeint ist eine Situatuation, in der nicht mehr unsere Grenze bedroht wird, es geht vielmehr um grenzenlose Bedrohung. Diese Erkenntnis ist von grundlegender Bedeutung.

euronews:
Die NATO ist also auf dem Weg zu einer umfassenden Reform. Andererseits sehen wir z.B in Afghanistan, dass auch Infanteriesoldaten weiterhin gebraucht werden – und zwar nicht wenige. Steht das nicht im Gegensatz zum Abbau der Truppenstärke?

Admiral Giampaolo Di Paola:
Wir reduzieren nicht die Zahl der Soldaten, wir nehmen keine Muskelmasse weg, sondern Fett. Das ist der Überbau: das NATO-Hauptquartier, die Kommandostruktur. Und auch der Überbau in den einzelnen Staaten: Wir verkleinern also den Überbau, nicht die Zahl der Soldaten. Die müssen bleiben.

euronews:
Gerät Afghanistan für Nato und Westen zur Niederlage?

Admiral Giampaolo Di Paola:
Überhaupt nicht. Das muss ich aus voller Überzeugung sagen. Ich erwarte, dass in Lissabon eine neue Phase eingeleitet wird. Karzai, der Präsident Afghanistans, und die internationale Gemeinschaft, nicht nur NATO, werden wahrscheinlich beschließen, im nächsten Jahr eine neue Phase zu starten:

die Übergangsphase, in der die Afghanen – je nach den Umständen – mehr und mehr die Verantwortung für ihre eigene Sichehrheit übernehmen. Dieser Prozess wird einige Jahre dauern, aber am Ende steht die Führung der afghanischen Sicherhietskräfte durch die Afghanen selber.

euronews:
Haben Sie nicht den Eindruck, dass die Amerikaner mehr an Asien interessiert sind als an Europa? Dass es eines Tages eine Verschiebung strategischer Schwerpunkte geben könnte – mit nachhaltigen Folgen für die NATO?

Admiral Giampaolo Di Paola:
Wir gehen dorthin, wo das Bündnis die Sicherheit der Bürger in Gefahr sieht. So sind wir in Afghanistan,im Herzen Asiens. Dafür brauchen wir einsatzfähige Kräfte. Heute in Asien und morgen in ich-weiß-nicht-wo. Übrigens: warum sagen wir “ferner Osten”, warum sagen wir nicht Afrika, oder eines Tages Südamerika oder Südpol?

Wir gehen dahin, wo es nach unserer gemeinsamen Einschätzung eine Herausforderung für unsere Sicherheit gibt.