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M. Sacirbey: 'Dayton' keine Basis für normalen Staat

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M. Sacirbey: 'Dayton' keine Basis für normalen Staat

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Vor 15 Jahren, am 21. November 1995, kamen in der relativ unbekannten Stadt Dayton im US-Bundesstaat Ohio die Führer der bosnischen Kriegsparteien zusammen. Sie unterschrieben einen Friedensvertrag, der einem der blutigsten Konflikte nach den Zweiten Weltkrieg ein Ende setzte.

Das Abkommen von Dayton blieb nicht ohne Kontroversen.

Einer der Unterzeichner war Muhamed Sacirbey. Als Bosniens UN-Botschafter und später Außenminister wurde er für seine flammenden Appelle bekannt, das Waffenembargo gegen die bonischen Muslime aufzuheben.

euronews hat mit ihm im UN-Hauptquartier in New York gesprochen. Er sagt, der Jahrestag von “Dayton” sei für ihn “bittersüß”.

euronews:

“Sie haben einst mit Blick auf das Dayton-Abkommen gesagt, dass ein schlechter Frieden immer noch besser sei als Krieg. Glauben Sie das noch immer?”

Muhamed Sacirbey:

“Absolut. Für mich selbst hätte ich gesagt: Ein guter Krieg ist besser als ein schlechter Frieden. Aber denken Sie an die vielen Menschenleben, um die es ging. Da habe ich klar gesagt: Frieden ist besser als Krieg – auch ein nicht perfekter, ja auch ein ungerechter Friede. Wie auch immer – ich wollte nicht, dass wir zum Spielball der Großmächte werden, die uns ja den Dayton-Vertrag aufzwangen, den wir schließlich unterschrieben. Und ich denke, das Dayton-Abkommen ist die Wurzel dafür, was in Bosnien schiefläuft. Andererseits ist es die Basis für den Frieden. Wir müssen also vorsichtig sein, insbesondere ich, der ich das Abkommen negativ sehe und meine Unterschrift zurückzog, darf das Abkommen nicht einseitig darstellen.”

euronews:

“Es scheint, dass sich im November 1995, nach dem Massaker von Srebrenica, der Kriegsverlauf ein bisschen änderte. Die NATO-Luftangriffe hatten begonnen. Warum haben die bosnischen Muslime und die kroatische Seite nicht länger durchgehalten? Warum war es so wichtig, damals das Abkommen zu unterzeichnen?”

Muhamed Sacirbey:

“Es wurde Druck ausgeübt – zunächst auf die kroatischen Truppen und dann auf die bosnischen Streitkräfte – schnell einem Waffenstillstand zuzustimmen. Wir sollten an den Verhandlungstisch gebracht werden, sonst hätten die NATO-Truppen auch kroatische und bosnische Truppen angegriffen. Es war ein Bluff. Das wussten wir, doch das Risiko war zu hoch. Man setzte mir quasi die Pistole auf die Brust, nicht nur mir, sondern den Bürgern und Soldaten, die ich repräsentierte. Hätte ich da widerstehen und einen Flächenbrand auslösen sollen? So habe ich die bosnischen Diplomaten und Politiker gefragt, wer ‘Dayton’ zustimmen würde, um gewissermaßen die Gründung von Bosnien-Herzegowina fortzusetzen. ‘Dayton’ hat sicherlich den Frieden begründet und den Krieg beendet. Es ist aber nicht die Basis für einen normalen Staat. Und es hat auch nicht die Hoffnung der bosnischen Bürger erfüllt, Teil der euro-atlantischen Familie zu werden.”

euronews:

“Richard Holbrooke sagte in einem Interview vor zwei Jahren, wenn es ‘Dayton’ nicht gegeben hätte, hätte Al Kaida den 11. September von Bosnien aus vorbeitet und nicht von Afghanistan aus. Wie reagieren Sie darauf?”

Muhamed Sacirbey:

“Mit großem Ärger. Zunächst einmal stimmt das alles nicht. Al Kaida wäre niemals in der Lage gewesen, in Bosnien solch eine Basis wie in anderen Ländern einzurichten. Es hätte sicher eine Radikalisierung bei der bosnischen Bevölkerung gegeben – aber Terrorismus ist Terrorismus. Und wir als Opfer von Terrorismus verstehen, denke ich, diesen Unterschied. Was Holbrooke jetzt versucht, ist, ‘Dayton’ einen Sinn zu geben, nicht in der Frage, was gut für Bosnien ist, sondern, dass es darum ging, ein Risiko abzuwehren, das gegen die USA und Europa gerichtet war. Am schlimmsten von allem ist, dass er nun irgendwie die Kriegsgründe der serbischen Ultra-Nationalisten, der Mladics und Karadzics gerechtfertigt hat. Die dachten nämlich, man könnte mit dem Rückhalt von Europa und den USA alle Muslime in Europa loswerden.”

euronews:

“Es gab in Bosnien Wahlen im Oktober. Die galten als Test für die Zukunft des Landes. Es scheint, als hätten die Bosnier immer noch nach ethnischen Gesichtspunkten gewählt. Der Ministerpräsident der Republik Srpska zeigt mehr oder weniger offen seine Verachtung für das geeinte Bosnien-Herzegowina. Scheint es da nicht unumgänglich, dass Bosnien dauerhaft geteilt werden muss?”

Muhamed Sacirbey:

“Ich gehöre nicht zu denen, die dem Tod dieses Landes das Wort reden. Das Land hat einen eigenen Herzschlag, eine eigene Seele. Schauen wir aber mal nicht auf das Ergebnis dieser Wahlen, sondern darauf, wie sie abgehalten wurden.

Die Antwort ist, dass uns in Dayton auf Drängen von Mladic, auf Drängen von Milosevic und auf Drängen des Westens verordnet wurde, entlang ethnischer Grenzen zu wählen und Ämter zu besetzen. Und das ist der Grund, warum das Abkommen auf lange Sicht scheitert. Man bettet ethnische Politik sozusagen ein, und das wird zu Chauvinismus anreizen. Deswegen habe ich meine Unterschrift unter das Abkommen vor fünf Jahren zurückgezogen, als ich sah, welche Folgen es hatte.”

euronews:

“Ich muss noch mal nachfragen, Sie haben das Abkommen unterzeichnet und später ihre Unterschrift zurückgezogen?”

Muhamed Sacirbey:

“Ja, das stimmt.”

euronews:

“Also, auch wenn sich das wiederholt: Warum haben Sie damals in erster Linie unterschrieben?”

Muhamed Sacirbey:

“Ganz einfach: Um den Krieg zu beenden. Es ist kein Zufall, dass wir Sarajevo das Jerusalem Europas nennen. Wie Jerusalem in Nahen Osten ist Sarajevo ständig mit Herausforderungen konfrontiert. Und die gegenwärtige Herausforderung hat ihren Ursprung letztlich im Abkommen von Dayton. ‘Dayton’ ist – ich will nicht sagen – eine falsche Lösung. Ich betone: Immerhin wurde der Krieg gestoppt. Es ist aber keine dauerhafte Basis für eine gute Entwicklung von Bosnien-Herzegowina.”