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"China hat Nordkorea gar nicht unter Kontrolle"

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"China hat Nordkorea gar nicht unter Kontrolle"

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Jahrzehntelang konnte Nordkorea auf die Unterstützung Chinas zählen. Wie reagiert Peking auf den jüngsten Zusammenstoß zwischen Nord-und Südkorea. Wir fragen Robert Lawrence Kuhn, Autor und China-Experte.

Nial O’Reilly, euronews:
“Herr Kuhn, China hat eine sehr komplexe Beziehung zu Nordkorea. Wie reagiert China auf die dramatischen Entwicklungen ?”

Robert Lawrence Kuhn:
“Das ist keine gute Nachricht für China. Ein Konflikt auf der koreanischen Halbinsel ist das letzte, was Peking will. Es gibt ohnehin schon so viele Probleme, mit der Wirtschaftskrise, mit dem anstehenden Führungswechsel. Die Chinesen wollen Stabilität und haben keine. Warum aber unterstützt Chinas Führung dann Nordkorea so ausdrücklich ?

In den letzten beiden Monaten waren zwei

Mitglieder aus Chinas innerstem Machtzirkel in Nordkorea und signalisierten dem Regime Unterstützung. Und warum ? Die Menschen im Westen sind ratlos. Ich habe viele meiner chinesischen Freunde ganz privat gefragt und sehr unterschiedliche Meinungen zu hören bekommen.

Das Wichtigste ist, die Situation stabil zu halten. Wenn China Nordkorea nicht unterstützt, kann das Regime zusammenbrechen. Wenn das Regime zusammenbricht, strömen sofort fünf bis zehn Millionen Menschen über die Grenze nach China. Auf der anderen Seite kommt es möglicherweise zur Vereinigung mit dem Süden – was eine furchtbare Blamage für China wäre. Außerdem entstünde so ein historischer Rivale direkt vor Chinas Haustür.

Darüber hinaus gibt es ein zweites Thema, und das ist ein extremes Nationalgefühl. Nur eine Minderheit denkt so, nicht so sehr die politische Führung. Aber es herrscht eine Meinung im Land, nicht weich zu werden in Angelegenheiten, die gut sind für Amerika.”

euronews:
“Also ist dies ein entscheidender Moment für Chinas Außenpolitik ?”

Robert Lawrence Kuhn:
“Wissen Sie, ich denke nicht, dass sich dieser Vorfall so besonders von vielen anderen unterscheidet, in die Nordkorea verwickelt war. Es nutzt sie offensichtlich als Druckmittel, um zusätzliche Hilfszusagen zu bekommen, ob nun aus China oder aus anderen Ländern, um das Regime zu stabilisieren.

China weiß – das haben mir Spitzenpolitiker gesagt – dass es Nordkorea nicht im Griff hat. Wir im Westen gehen davon aus, dass die Chinesen die absolute Kontrolle über Nordkorea haben. Das stimmt überhaupt nicht. Sie versuchen alles Menschenmögliche, um das Regime von verrückten Aktionen abzuhalten, so wie sie offenbar heute passiert sind. Was könnte das China denn bringen – die Aktienmärkte brechen ein, wirtschaftliche Probleme brechen auf – all das schadet China. Ein hochrangiger Diplomat sagte mir: “Es ist wie mit einem Freund, der sich danebenbenimmt. Sie verurteilen das, aber er ist immer noch Ihr Freund.”

euronews:
“…und Washington wird Pekings Reaktion auf die Goldwaage legen….”

Robert Lawrence Kuhn:
“In gewisser Weise nützt der Vorfall Washington, weil er Peking in die Ecke stellt. Was die Nordkoreaner tun, ist so ungeheuerlich. Die Chinesen haben sich in den letzten Jahren enorm

weiterentwickelt in Richtung einer verantwortlichen Nation. China wächst in eine Politik hinein, die eine weltweite Ordnung fördert, die Stabilität und Wohlstand zum Ziel hat. Also bringt dieser Zwischenfall mit Südkorea China in eine sehr peinliche Lage.”