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Taib Fassi Fihri: "Die EU-Regierungen können Marokkos Situation verstehen"

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Taib Fassi Fihri: "Die EU-Regierungen können Marokkos Situation verstehen"

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Marokkos Außenminister Taib Fassi Fihri hat bei einem Besuch in Brüssel über die Situation in der Westsahara gesprochen. Euronews-Reporter Sergio Cantone befragte ihn zu den Zusammenstößen in einem Protest-Zeltlager zwischen marokkanischen Sicherheitskräften und Demonstranten.

Taib Fassi Fihri:

Die Sicherheitskräfte waren nur mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstet. Sie wurden mit Molotowcocktails angegriffen, mit Gasbomben, Macheten und Messern. Einem Polizisten wurde die Kehle durchschnitten. Heute verstehen die Menschen, auch die Abgeordneten im EU-Parlament, dass wir Opfer von Manipulationen waren. Sie hatten zuvor nicht die Informationen, die sie jetzt haben. An diesem Tag in der Westsahara waren Journalisten und Parlamentsabgeordnete zugegen…

Euronews:

Aber vielen Journalisten aus Frankreich, Spanien, den USA, Österreich und anderen Ländern wurde der Zugang verweigert.

Taib Fassi Fihri:

Es waren französische, spanische, deutsche und US-Journalisten dort, die eingelassen wurden, als das Camp errichtet wurde. Sie haben berichtet, dass rund 1000 Menschen dort blockiert wurden und dass sie nahe am Verhungern waren. Wir können beweisen, dass zwischen 400 und 600 Autos im Camp waren.

Euronews:

Nein. Die internationale Presse hat sofort erklärt…

Taib Fassi Fihri: Teile der Presse!

Euronews: Sie haben erklärt, dass ihnen der Zugang zu den Krisengebieten verweigert wurde.

Taib Fassi Fihri:

Als das Camp abgebaut wurde, geschah das auf friedliche Weise und das weiß jeder. Es gab keine Toten unter den Zivilisten. Manche Journalisten waren für mehrere Wochen dort und andere versuchten, hinzukommen, aber das Militär hat sie daran gehindert und erklärt, dass sie nur durch den spanischen Eingang in das Camp gelangen könnten. Es gab Manipulation und das ist heute klar. Die Ereignisse wurden ausgeschmückt und übertrieben. Es ging nur darum, die Leute vom Wichtigsten abzulenken, und das waren die Verhandlungen.

Als wir die Polisario-Rebellen fragten, wie viele Menschen bei den Zusammenstößen gestorben seien, konnten sie uns keine Antwort geben. Als sie dann begannen, über Auschwitz zu reden, als die Rebellen einigen europäischen Medienvertretern erklärten, dass hier Zustände wie unter Pinochet herrschten, fragten wir nach Listen. Man gab uns die Namen von zwei angeblichen Opfern. Aber diese beiden Menschen sind am Leben, das können wir beweisen. Warum berichten Sie nicht darüber?

Euronews:

Warum geben Sie den Menschen kein Selbstbestimmungrecht und lassen sie entscheiden?

Taib Fassi Fihri:

In der Charta der Vereinten Nationen taucht das Wort „Referendum“ nicht auf. Auch nicht in den Resolutionen des Sicherheitsrats. In der Vollversammlung der Vereinten Nationen, in der alle Staaten vertreten sind, taucht das Wort ebenfalls nicht auf. In der Praxis der Vereinten Nationen sind Referenden ein selten genutztes Instrument. Verhandlungen sind wichtig für Selbstbestimmung. Wenn Sie die Idee verbreiten, dass Selbstbestimmung gleichbedeutend mit der Abhaltung eines Referendums ist, ist das ein negativer Einfluss und damit werden Sie zum Sprachrohr der Parteien, die die Verhandlungen blockieren wollen.

Euronews:

Ich frage. Ich bin kein Sprachrohr.

Taib Fassi Fihri:

Doch, Sie reden von Referenden.

Euronews:

Ich stelle nur Fragen. Haben Sie jetzt das Gefühl, dass die EU Sie unterstützt?

Taib Fassi Fihri:

Marokko ist in jeder Hinsicht der ernsthafteste und engagierteste Partner der EU: politisch, wirtschaftlich, kulturell und in Sicherheitsfragen. Das Problem der Westsahara wird regelmäßig zwischen uns und der EU diskutiert. Die EU vertritt dieselbe Position wie die Vereinten Nationen: Sie ist für substantielle Verhandlungen auf Basis der Anstrengungen Marokkos seit 2006, bei denen man nach Kompromissen sucht. Kompromisse bedeuten, dass man sich von extremen Positionen distanziert. Das ist die Haltung der EU und diese Haltung wird von vielen Mitgliedstaaten geteilt.

Euronews:

Sie sagen also, dass die Verhandlungen über Fischereirechte und andere Themen nicht beeinflusst werden, selbst wenn ein EU-Staat mehr die Meinung der Polisario-Rebellen vertritt oder ihnen genauer zuhört?

Taib Fassi Fihri:

Ich denke, die Regierungen, vor allem die EU-Regierungen, sind in der besten Position um das Problem der Westsahara zu verstehen, seine Wurzeln, die gegenwärtigen Schwierigkeiten und auch die Kosten, falls es keine Lösung gibt. Die EU-Staaten und die Kommission sind bereit, die Anstrengungen anzuerkennen, die Marokko macht, um in den Gesprächen mit der EU voranzukommen. Alle EU-Staaten sind gut genug informiert, um einen klaren Blick auf das Westsahara-Problem zu haben, nicht nur auf das dortige Elend. Und dabei spielt es keine Rolle, wie groß oder klein der Einfluss ist, den jedes Land auf europäischer Ebene hat.