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"Wirtschaftliche Freiheit ja, aber keine politische Freiheit - da geht die Moral baden"

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"Wirtschaftliche Freiheit ja, aber keine politische Freiheit - da geht die Moral baden"

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Der Nobelpreis hat eine tiefe Kluft zwischen China und dem Westen zum Vorschein gebracht. Sie war gewissermaßen verdeckt durch die zunehmende wirtschaftliche Verflechtung.

Unser Diskussionspartner ist Dr. Robert Lawrence Kuhn, Analyst und Autor des Buches “Wie Chinas Führer denken”.

Robert Hackwill, euronews:

“Dr. Kuhn, China hat zum Boykott der Nobelpreis-Verleihung aufgerufen. Wurden andere Nationen unter Druck gesetzt ?”

Robert Lawrence Kuhn:

“Dies war Chinas mieseste Vorstellung auf dem internationalen Parkett seit Menschengedenken – vor allem vor dem Hintergrund des Debakels mit Nordkorea. Wir müssen zurück zu den Ursprüngen und die beginnen mit dem Glauben der chinesischen Führung, dass nur einer China den Weg weisen kann aus Armut und Elend zu einem modernen Land, das ist die Kommunistische Partei – mit all ihrer Dominanz und Monopolstellung. Ein Spitzenmann hat mir mal gesagt, ganz privat: “Mir gefällt nicht, dass Liu Xiaobo im Knast ist. Aber welche Wahl haben wir denn?” So denken die.”

euronews:

“Wir wissen, in der chinesischen Führung tobt hinter den Kulissen ein Kampf über die künftige Richtung. Zeigt die kompromißlose Haltung in der Nobelpreis-Frage, dass die Falken die Oberhand haben ?”

Robert Lawrence Kuhn:

“Ich glaube nicht, dass bei diesem Thema die Uneinigkeit groß war. Es gibt einige an der Spitze, die an diesen Fall nicht nur streng rational herangehen im Sinne der Vorherrschaft der Partei. Sie sind wütend bis ins Mark. Sie ärgern sich über das, was sie als westliche Verschwörung gegen China wahrnehmen, orchestriert übrigens von den USA. Die würden ihre Vasallen dazu benutzen, die sogenannten kleinen europäischen Länder, um China in in die Enge zu treiben, um es im Zaum zu halten.

Dazu kommt auch noch der Faktor “Volkes Stimme”. Eine nicht zu übersehende Minderheit, besonders in den Städten, will größere Freiheiten im Internet haben und sicher auch mehr politische Freiheiten. Dagegen hat die Mehrheit den Eindruck, dass China vom Westen unterdrückt wird. So kommt es, dass im politischen Kampf zwischen Nationalismus und Patriotismus auf der einen Seite und politischen Reformen immer der nationale Patriotismus gewinnt und die politische Reform auf der Strecke bleibt. So ist die Lage.”

euronews:

“Wir werden seit kurzem Zeugen, wie Konfuzius aufersteht. China hat seinen eigenen Konfuzius-Friedenspreis erfunden. Wie passen dessen Prinzipien wie Gehorsam und Respekt zum modernen China, wo – bis zu einem gewissen Grad – gilt: “Gier ist gut” ?”

Robert Lawrence Kuhn:

“Nun, das ist ein sehr interessanter Punkt. China entfernt sich zur Zeit eindeutig von der Vergangenheit, in der die Aufopferung des Einzelnen das Ideal war. Es bewegt sich in Richtung Marktwirtschaft, und da gilt das als Katastrophe. So kam es zu diesem Zwischending: wirtschaftliche Freiheit für Individuen ja, aber keine politische Freiheit. Doch in so einem Umfeld geht die Moral baden. Sagen wir es einmal so: die alte kommunistische Ideologie des selbstlosen Gebens an den Staat funktioniert offensichtlich nicht in einer Marktwirtschaft.”