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Fanny Devoucoux: "Hilfsorganisationen können nicht allein Haiti wieder aufbauen"

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Fanny Devoucoux: "Hilfsorganisationen können nicht allein Haiti wieder aufbauen"

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Fanny Devoucoux ist Direktorin der Nichtregierungsorganisation  ACTED in Haiti. Diese “ Gesellschaft für technische Zusammenarbeit und Entwicklung“ arbeitet schon seit  2004 in Haiti.

Sophie Desjardin, euronews:
Was hat sich in Ihrer Arbeit seit Januar 2010 geändert?
 
Fanny Devoucroux:
Seit dem Erdbeben mussten wir uns auf die dringlichsten Notlagen konzentrieren.
Vor allem hier in der Hauptstadt Port-au-Prince, aber auch in einigen Städten des Landes, die das  Beben sehr schlimm getroffen hat, wie Leogane.
 Wir mussten unsere Aktivitäten neu ausgerichten auf die  dringendsten Bedürfnisse der Menschen wie Nahrungsmittel. Wir mussten jenen helfen, die ihr Haus verloren haben und oft auch Angehörige.
Sie mussten für die ersten Monate zunächst mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden.
 
euronews:
Man hört, dass erst ein geringer Teil der zugesagten Spenden auch verfügbar sei, dass erst 5 Prozent der Trümmer weggeräumt wurden, dass fast eine Million Menschen immer noch obdachlos seien.
Warum geht es nicht schneller voran?
 
Fanny Devoucoux: 
Man muss wissen, dass in dieser Stadt rund 3 Millionen Menschen am Abend nach dem Erdbeben draußen schlafen mussten.
Dieses Erdbeben  traf sehr viele Menschen.
Hier ist in einer Hauptstadt von einem Moment auf den anderen das gesamte wirtschaftliche, soziale und Wohnungsniveau zusammengebrochen an jenem 12. Januar 2010. 
Aus einer ganzen Reihe von Gründen konnte nur langsam reagiert werden.
Erstens, weil es in städtischen Gebieten viel  komplizierter ist als in ländlichen.  
Um Platz für den Wiederaufbau zu schaffen müssen erst einmal die Trümmer weggeschafft werden.
Das geht nur Stück für Stück.
Man würde aber Aktionen in größerem Rahmen brauchen, die von den NGOs alleine nicht mehr zu bewältigen sind, an denen auch der private Sektor und vielleicht auch die internationale Gemeinschaft mitarbeiten müsste.
Und schließlich wird Bauland gebraucht, um Wohnraum errichten zu können – egal ob provisorisch oder schon fest. Bauland für die Menschen, die heute noch draußen schlafen, das bedarf politischer Entscheidungen, und zwar schnell.
 
euronews:
Wird da nicht zwischen lokalen Behörde, internationaler Gemeinschaft und NGOs der “schwarze Peter” hin- und hergeschoben?
Wer ist denn Ihrer Meinung nach Schuld?
 
Fanny Devoucoux:
Wir wissen, dass der Wiederaufbau ein Prozess ist, der lange dauern wird.
Das ist nicht wünschenswert, wenn man all die Dinge betrachtet, die erledigt werden müssen.
Heute nehmen die NGOs, besonders die internationalen, hier in Haiti einen großen Raum ein. Der ist so groß, weil sie eine Lücke auszufüllen müssen. Eine Lücke, die nicht nur der nicht mehr funktionierende Staat hinterlassen hat.
Ich denke, alle NGOs sehen heute, diese Lücke ist einfach zu groß, als dass sie noch entsprechend ihrer eigentlichen Rolle arbeiten könnten.
Hier wird heute eine ganz andere Dynamik gebraucht. Wir brauchen Ansprechpartner von Seiten des Staates, die auch gleichzeitig der internationalen Gemeinschaft die Botschaft übermitteln können:
unterstützt den Staat Haiti!
Das ist wichtig.
Der Wiederaufbau kann nicht nur von NGOs bewerkstelligt werden. Diese Arbeit können nur der Staat und seine Bevölkerung leisten.
Ein Staat, der sich um seine Bevölkerung kümmert, der festlegt, was die Institutionen zu leisten haben, der die Hauptlinien dieses Wiederaufbaus bestimmt und der es so der Bevölkerung erlaubt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.