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Rene Preval: "Es ist die Gelegenheit, Haiti neu zu gründen."

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Rene Preval: "Es ist die Gelegenheit, Haiti neu zu gründen."

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Ein Jahr nach dem Erdbeben in Haiti macht die politische Instabilität den Wiederaufbau

schwierig. Euronews sprach mit dem haitianischen Präsidenten Rene Preval.

euronews, Sophie Desjardin:

“Am 12. Januar 2010 gingen nach dem Erdbeben schreckliche Bilder der Zerstörung um die Welt, auch das eines schwer beschädigten Präsidentenpalastes. Außerdem wurden viele Ministerien zerstört. Wie lenkt man ein Land, wenn von der Infrastruktur nur noch Ruinen übrig sind?”

Rene Preval, Präsident Haitis:

“Wir haben 300.000 Tote zu beklagen und 300.000 Verwundete. Die Zerstörung entspricht 120 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes, das sich unseren Schätzungen zufolge auf acht Milliarden Dollar beläuft.

Es ist eine große humanitäre Katastrophe und die Infrastruktur wurde schwer beschädigt. Auf Haiti wurden viele Schulen, Kirchen und Zusammenkunftsorte zerstört. Alle Ministerien, der Palast und das Parlament sind in sich zusammengefallen. 30 Prozent der Beamten starben. Es ist eine große Tragödie.”

euronews:

“Seit einem Jahr wird Ihr Schweigen, manche sprechen gar von Abwesenheit, kritisiert. Sie haben sich nicht sehr oft geäußert, warum?”

Rene Preval:

“Als die Erde bebte, fütterte ich gerade meine einjährige Enkelin. Ich habe sie gerettet und bin nach draußen gerannt. Ich habe viele Tote gesehen, auf allen Straßen lagen Tote. Ich bin zum Krankenhaus, es war sehr schwierig voranzukommen. Ich hörte, wie die Menschen unter den Trümmern schrien.

Es heißt immer, dass große Gefühle still sind. Jetzt verstehe ich dieses Sprichwort. Mir fehlten die Worte und es war für mich sehr schwierig zu diesem Zeitpunkt meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.”

euronews:

“Die Nichtregierungsorganisationen vor Ort klagen, dass der haitianische Staat nicht handelt und keine Entscheidungen fällt. Sie sagen, dass sie ein Machtvakuum füllen. Wie konnte es soweit kommen?”

Rene Preval:

“Nach der Katastrophe war die internationale Gemeinschaft sehr großzügig und hat sich für Haiti eingesetzt. Nach sechs Monaten begann die Phase des Wiederaufbaus. Eine Interimskommission für den Wiederaufbau wurde gebildet und am 31. März hat die internationale Gemeinschaft Hilfe in Höhe von 11 Milliarden Dollar versprochen. Eineinhalb Milliarden Dollar wurden bereits in laufende Projekte investiert, weitere zwei Milliarden Dollar sind für geplante Projekte vorgesehen.

Haiti war schon vor der Katastrophe geschwächt. Sie dürfen nicht vergessen, dass unser Haushaltsbudget zu 60 Prozent von Hilfe von außen abhängig ist. Wir warten also darauf, dass die versprochenen Hilfszahlungen hier ankommen.

Wir können außerdem nicht alles wieder so aufbauen, wie es früher war. Wir können nicht die Slums wiederaufbauen. Es ist eine Gelegenheit, Haiti neu zu gründen. Wir haben jetzt die Möglichkeit uns um die Provinzen zu kümmern, die so lange vernachlässigt wurden.”

euronews:

“Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen im Dezember kam es zu Ausschreitungen und seitdem steckt das Land in einer politischen Krise. Die Wahlbeobachter empfehlen in ihrem Bericht den Ausschluss von Jude Celestin bei der zweiten Wahlrunde. Er ist Ihr Kandidat, was halten Sie davon?

Rene Preval:

“Ich habe diesen Bericht noch nicht erhalten. Ich habe darum gebeten, dass er mir nach dem 12. Januar ausgehändigt wird. Dem Tag an dem wir unserer Toten gedenken.”

euronews:

“Die Presseagenturen haben die Schlußfolgerungen dieses Berichts bereits veröffentlicht. Wie schätzen Sie die Wahlen ein? Was wird passieren, wenn der Kandidat Jude Celestin von der zweiten Runde ausgeschlossen wird?”

Rene Preval:

“Die Wahlen fanden statt. Wir hatten mit Problemen zu kämpfen und deshalb haben wir die Organisation Amerikanischer Staaten darum gebeten, zu prüfen, was geschehen ist. Transparenz ist wichtig, damit jeder Kandidat sehen kann, warum ihm Stimmen aberkannt werden. Nur so werden alle den Platz akzeptieren, der ihnen zugewiesen wird. Dann kann der Wahlvorgang weiter gehen.”

euronews:

“Sie haben mehr als 10 Jahre lang die Staatsgeschäfte gelenkt. Haiti galt einst als Perle der Antillen, doch die vergangenen Jahrzehnte waren von Katastrophen geprägt. Haben sie jemals den Mut verloren?”

Rene Preval:

“Dieses Mandat war in der Tat sehr schwierig. Wir haben jedoch trotzdem viel erreicht. Die Inflation ist von 13 Prozent auf 5 Prozent gesunken. Die Wachstumsrate des Haushaltsbudgets war negativ, bevor wir hier ankamen. Im vergangenen Jahr konnten wir eine Wachstumsrate von 3,5 Prozent verzeichnen. Es gab also viele Probleme, aber auch Erfolge.

Eines der größten Probleme Haitis ist die Instabilität. Ich bin der einzige Präsident, der sein Mandat beendet hat, der einzige Präsident, der nicht ins Exil gegangen ist, der einzige Präsident, der geblieben ist und sogar wiedergewählt wurde. Ich hoffe, dass ich die Macht an einen gewählten Präsidenten, an ein gewähltes Parlament weitergeben kann, damit es Stabilität in Haiti gibt.”