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Spielen für die Gesundheit

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Spielen für die Gesundheit

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Einige Patienten berichten. Diese an Bulemie erkrankte spanische Frau meint:

“Jeden Tag hab ich mir gesagt:¨Morgen werde ich anfangen, richtig zu essen, morgen werde ich auf mich selbst aufpassen.” Aber am nächsten Tag hatte ich es schon verdrängt. So geht das schon seit Jahren,- mit schweren Folgen für meinen Körper: Ich hab Magenprobleme, es gab Veränderungen im Blutbild, ich befand mich in schlechtem Zustand.”

Der Niederländer Jan Kosterink, Opfer chronischer Nackenschmerzen:“Ich bin Busfahrer. Und jetzt habe ich große Schwierigkeiten, beim Bewegen des Lenkrads während der Fahrt. Es begann alles mit Schmerzen im Nacken abwärts bis zu meinen Schultern.Meine Nackenschmerzen dauern jetzt schon drei Jahren an”.

Ein spanischer Spielsüchtiger:“Es hat mich neun Jahre gekostet, einzusehen, dass meine Probleme größer und größer wurden. Ich fand keinen Ausweg – Mit verheerenden Folgen: Es entstanden zum Beispiel familiäre Probleme. Aufgrund meiner vielen Lügen, verlor meine Freundin ihr Vertrauen in mich. Ich wurde immer zurückhaltender. In meiner Welt gab es nur mich und mein Problem.”

Könnte die virtuelle Erkundung einer Insel ein Teil der Lösung für diese drei Patienten sein?

Einige europäische Wissenschaftler sind davon überzeugt.Wir möchten Ihnen jetzt zeigen, wie es der Forschung gelang, ein Videospiel für therapeutische Zwecke zu entwickeln.

Die Bulemie-Patientin:

“Wenn ich einen Obstteller sehe, denke ich: Nicht berühren! Es ist da etwas in meinem Gehirn, dass mir sagt, Obst ist verboten. Statt gesunder Nahrung verschlinge ich jede Menge ungesunder Dinge. Ich hab nie gelernt, mich zu ernähren, ich esse nur.”

In Barcelona wird die Erkrankung dieser Patientin behandelt, die an Fressucht leidet.

Dazu soll die Patientin ein Videospiel testen, dass speziell entwickelt wurde, ihr zu helfen, ihre Gefühle zu erkennen und ihre Selbstkontrolle wiederzugewinnen.

Fernando Fernández-Aranda forscht zum Thema Essstörungen am spanischen Bellvitge Universitätsklinikum:

“Das Videospiel erweist sich als nützliches Mittel für manche Patienten, zu lernen, bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit zu kontrollieren,- wie Impulsivität oder die Frustrationstoleranz zu steigern. Das Videospiel kann Patienten beibringen, ihre Frustrationstoleranz zu erhöhen und weniger impulsiv zu handeln und so die Organisation ihrer täglichen Aufgaben dahingehend zu verbessern, dass sie lernen, ihre Ziele zu erreichen.

Sie lernen, ihre verschiedenen Geisteszustände zu verstehen und unterschiedliche Reaktionen besser zu kontrollieren. Sie lernt, welche Reaktionen den unterschiedlichen Gemütszuständen – wie Traurigkeit oder Ängstlichkeit – entsprechend angemessen sind.”

Einige Patienten dieses niederländischen Rehabilitationszentrums leiden an chronischen Rücken-und Nackenschmerzen. Das gleiche Videospiel hilft ihnen hier, um ihre Muskeln zu entspannen, die sportliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen und ihre Disziplin aufrecht zu erhalten.

Stephanie Jansen-Kosterink erforscht den menschlichen Bewegungsapparat am Roessingh Rehabilitationszentrum (Niederlande):

“Diese Elektroden messen die Muskelspannung. So kann der Patient versuchen, seine Muskelspannung zu reduzieren. Mit diesem System können wir genau sehen, wo der im Raum Patient gerade ist, wie schnell er sich bewegt, wie er den Kopf bewegt und wie angespannt seine Muskeln sind. All diese Daten ergeben sich aus dem Spiel und stehen uns anschließend bei der Behandlung des Patientien zur Verfügung.”

Das Videospiel wurde im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes “Playmancer” entwickelt.

Spiele-Entwickler, Psycologen und Therapeuten erarbeiteten hier gemeinsam Szenarien sowohl für die Schmerz-Rehabilitation als auch für die Behandlung psychischer Krankheiten.

Elias Kalapanidas, Koordinator, PlayMancer Projekt:

“Dieses Spiel geht weit über bloße virtuelle Realität hinaus. Virtuelle Realität gibt zwar die Umgebung wieder, bietet aber keine Belohnung. Unser Ziel war es, Patienten zu motivieren, besser ihren Körper und Geist kennen zu lernen. Videospiele sind unterhaltsam und motivierend, so dass wir dachten, sie könnten wirksam die Therapien unterschiedlicher Krankheiten unterstützen. Das Spiel stellt zudem eine starke Bindung zwischen Patienten, Therapeuten und Ärzten her.”

Der Versuch einer Therapie durch Videospielen gestaltete sich bei phsychischen Erkrankungen als ganz besondere Herausforderung.

Der an Spielsucht erkrankte Patient:“Ich fand es zuerst bizarr, dass meine Spielsucht mit einem Videospiel behandelt werden könnte.

Aber nach einigen Sitzungen verstand ich, worum es geht. Das Videospiel hilft mir, meinen Gemütszustand in einem bestimmten Moment zu erkennen. Zum Beispiel, wenn ich zu nervös bin.

So kann ich an meinen Gefühlen arbeiten und versuchen, mich zu beruhigen”.

Das Videospiel kann Langeweile, Aufregung oder Angst in den kognitiven Reaktionen der Patienten identifizieren. Und zwar mit Hilfe von Biosensoren.

Priorität hatte die Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen: wie zum Beispiel Entstehung von Spielsucht. Um nicht eine Sucht durch eine andere zu ersetzen.

Susana Jiménez-Murcia erforscht das Thema Spielsucht am Bellvitge Universitätsklinikum:

“Die Programmierer hatten zunächst eine Reihe von Ideen vorgeschlagen. Aber wir Psychologen dachten, diese könnten zu motivierend sein – und dadurch kontraproduktiv für unsere Patienten.

Die Entwickler hatten zum Beispiel vorgeschlagen,

dass die Patienten online mit anderen Menschen aus verschiedenen Ländern spielen können sollten.

Wir wissen aber aus der wissenschaftlichen Literatur, dass Online-Spiele durchaus süchtig machen können. Also baten wir die Entwickler extra ein möglichst einfaches Videospiel zu entwerfen, dass ein Patient alleine spielen kann und keinen Spielstand speichert”.

Die Patienten sollen das Spiel immer unter ärztlicher Aufsicht spielen.Und das, sagen Wissenschaftler, ist ein riesiger Unterschied zu bestehenden kommerziellen Videospielen, die bereits Bewegungen erkennen.

Stephanie Jansen-Kosterink, Roessingh Rehabilitationszentrum (Niederlande):

“Wenn Sie ein kommerzielles Spiel spielen, gibt es Bewegungen, die Sie vortäuschen können, da Sie ja nur mit einer Konsole spielen. Hier aber können Sie “Laufen” nicht vortäuschen, Sie müssen wirklich laufen! Ein weiterer Unterschied: Durch all die Messungen im Spiel bekommen wir auch Daten heraus. Wir sehen, ob das Gangbild normal ist, oder wie die Muskelspannung des Patienten aussieht. Bei bestehenden kommerziellen Spielen gibt es nur Input. Hier haben wir auch Output. “

Wie weit sind wir also noch von der Verschreibung von Videospielen für bestimmte physische oder psychische Krankheiten entfernt?

Die Wissenschaftler glauben, mit ihrer Forschung bewiesen zu haben, dass therapeutische Spiele für bestimmte Patienten sinnvoll sein kann.

Nun, sagen sie, es liegt an den politischen Entscheidungsträgern, das Spiel zu beginnen.

Miriam Vollenbroek, Roessingh Rehabilitationszentrum (Niederlande):

“Es gibt keine Probleme mit der Akzeptanz bei Patienten und Therapeuten. Auch nicht mit der existierenden Technologie! Das einzige kurzfristige Problem ist die Finanzierung, zumindest hier in den Niederlanden. Werden die Krankenkassen die Kosten übernehmen? Nun,- bis dahin könnte es sicher noch etwas dauern. “

In der Zwischenzeit sucht die Forschung bereits nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für diese – und andere – therapeutische Videospiele.

www.playmancer.eu