Eilmeldung

Eilmeldung

"Diktatoren am Golf bekommen kalte Füße"

Sie lesen gerade:

"Diktatoren am Golf bekommen kalte Füße"

Schriftgrösse Aa Aa

Robert Fisk, “The Independent”

Über einige weitergehende Auswirkungen der Krise in Tunesien haben wir mit dem Nahost-Korrespondenten der britischen Zeitung “The Independent” gesprochen, mit Robert Fisk in Beirut.

Seamus Kearney, euronews:

“Herr Fisk, was halten Sie von der Einschätzung, dass die Lage in Tunesien auch eine Warnung für andere autoritäre Regimes ist?”

Robert Fisk, Nahost-Korrespondent des “Independent”:

“Nun, es sollte eine Warnung sein, insbesondere für Ägypten, Jordanien und für Marokko, das nach der Flucht von Ben Ali ziemlich spät Beifall klatschte, aber immerhin.

Aber letztendlich, denke ich, werden all diese Diktaturen, all die Prinzen und Emire am Golf sich auf uns, den Westen verlassen, darauf, dass wir sie weiter unterstützen, wie Ben Ali das tat. Und auch wenn es diverse Nachahmer und Trittbrettfahrer bei den Demonstrationen gibt – Leute, die sich in Algerien oder in Ägypten selbst anzünden, und heute sogar eine drohende Demonstration im Libanon gegen hohe Lebensmittelpreise – aber dennoch gibt es letztlich keinen allumfassenden gemeinsamen Plan unter diesen Demonstranten und Gegnern der Diktatoren, sozialen Wandel herbeizuführen.

Und ich erwarte, dass die meisten der natürlich korrupten Diktatoren in der Region weiter auf die Unterstützung durch den Westen bauen, wie es Frankreich, Großbritannien und andere europäische Länder und natürlich auch Amerika mit Ben Ali taten. Vorrangig deshalb, weil diese Leute sich selbst nicht unbedingt als Demokraten darstellen, sondern als wohlwollende starke Männer und Diktatoren, die gewalttätige Islamisten und Al Kaida unter Kontrolle halten.

euronews:

“Die Ereignisse in Tunesien haben sich überschlagen – hat Sie das überrascht?”

Robert Fisk:

“Ja. Und ebenso überrascht waren schrecklich viele andere Machthaber und korrupte Führer, wie mir meine Informanten in verschiedenen arabischen Ländern berichteten. Aber letztlich gab es in Tunesien eine bedeutende intellektuelle Opposition, vor allem unter den Anwälten. Und die gibt es auch in vielen muslimischen Ländern, insbesondere in Pakistan, das natürlich kein arabisches Land ist. Aber ich kann am Ende nicht glauben, dass diese Demonstrationen gegen Diktatur und Korruption von einem Land zum anderen über die Grenzen schwappen. Es gab in mehreren Ländern beachtenswerte soziale Aufstände, insbesondere in Ägypten gegen Husni Mubarak zum Beispiel, der 82 Jahre alt ist, 82, um Himmels Willen! Und er will als Präsident bei den nächsten Wahlen im September kandidieren! Und es scheint, dass die Sicherheitsdienste so gut organisiert, brutal und skrupellos sind, dass das auch so weitergehen kann. Und wir, insbesondere die Amerikaner, finanzieren Ägypten zum Beispiel, und lassen das so zu. Die Angst vorm Islamismus ist so groß, dass weder die Europäische Union, einzelne westliche Staaten, noch Amerika wollen, dass dieser Islamismus andere Länder in der Region vergiftet. Aber die Führer, die bekommen kalte Füße – gut für sie.”