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Santos: Europa sollte von Lateinamerika lernen

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Santos: Europa sollte von Lateinamerika lernen

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Juan Manuel Santos hat Politik mit in die Wiege gelegt bekommen. Seine Familie hatte bereits drei Präsidenten für Kolumbien gestellt, als Santos die Regierungsungeschäfte 2010 von Alvaro Uribe übernahm.

Im Kampf gegen die FARC-Rebellen zeigt er sich als Hardliner, wie auch sein Vorgänger Uribe.

Um gegen die kolumbianischen Drogenkartelle vorzugehen, sucht er nach internationalen Verbündeten. Auf seinem ersten Europabesuch hat er Euronews ein Interview gegeben.

Luis Carballo, Euronews: Herr Präsident, Sie haben die FARC-Guerilla zunächst als Verteidigungsminister und nun als Präsident mit harten Bandagen bekämpft. Kommen Waffen vor einem Dialog?

Juan Manuel Santos, Präsident von Kolumbien: Ich glaube nicht, dass sich beides ausschließt. Bei Zeiten braucht man die Waffen, um zu einem Dialog zu finden. Wir wollen eine solide Basis für den Dialog. Um das zu erreichen, brauchen wir jedoch häufig den Einsatz von Waffen.

Euronews: Die “Democratic Security Policy”, die von Alvaro Uribe geschaffen wurde und von Ihnen fortgesetzt wird, hat Fortschritte im Kampf gegen die Aufständischen gebracht. Aber die Politik hat Kritik auf sich gezogen, zum Beispiel mit den so genannten Falschmeldungen: Der Mord an unschuldigen Bürgern, der den Guerillas in die Schuhe geschoben werden sollte. Schnee von gestern?

Santos: Ja, daran besteht kein Zweifel. Das war zwar nie ein organisierter politischer Plan, sondern die Tat einiger Menschen, die mit unserer Politik nichts zu tun hatten.

Am Ende dient die “Democratic Security Policy” zum Schutz der Menschenrechte. Sie will den Menschen Freiheiten zurückgeben: das Recht auf Leben und das Recht auf Freiheit für alle Kolumbianer. Was Sie da erwähnen, ist glücklicherweise Schnee von gestern. Nun muss diesen Leuten der Prozess gemacht werden.

Euronews: Die FARC zeigt Zeichen der Schwäche, da sie in den letzten drei Jahren wichtige Führungspersonen verloren hat: Manuel Marulanda “Tirofijo”, Raul Reyes, um nur zwei zu nennen. Liegt die Guerilla in ihren letzten Zügen?

Santos: Ich will lieber nicht sagen, dass das Ende der FARC absehbar ist, weil das noch länger dauern kann. Aber in der Tat ist sie in den letzten Jahren schwächer geworden. Das Gebiet, das sie kontrolliert, ist kleiner geworden. Wir arbeiten daran, dass es für die Guerilla kein Zurück mehr gibt.Wir wollen sie hinauswerfen. Falls sie irgendwann mal wiederkommen will, wird sie einer feindlichen Bevölkerung gegenüberstehen. Wir kommen langsam dahin.

Euronews: Sprechen wir nun über den “Kolumbien Plan”, ein Anti-Rauschgiftprogramm, das hauptsächlich von den USA finanziert wird. Mehrere kolumbianische Regierungen wollten Europa miteinbeziehen, aber erfolglos. Warum zögert die EU?

Santos: Das habe ich nie verstanden. Sie dachten, der Plan sei zu militärisch und zu wenig sozial. Jetzt ist das Gegenteil der Fall: Er ist sozial und weniger militärisch. Deswegen hoffe ich nun darauf, dass uns die Europäer zukünftig unterstützen werden. Es ist der beste Weg, um den Drogenhandel zu bekämpfen.

Euronews: Steht das auf ihrem Programm bei dieser Europareise?

Santos: Zweifellos. Aber nicht nur. Es geht auch darum, wie Kolumbien der dritten Welt unter die Arme greifen kann: Mittelamerika, den karibischen Inseln, Afrika und Mexiko.

Euronews: Kommen wir zu Mexiko, einem anderen Land in Lateinamerika, das durch den Drogenhandel stark destabilisiert wird. Besteht die Gefahr, dass Mexiko zu einem Rauschgift-Staat wird, wenn die Regierung den Krieg zwischen den Drogenkartellen nicht beendet?

Santos: Nein, das Risiko besteht nicht wirklich. Präsident Calderón schlägt sich gut. Er hat einigen sehr brutalen Drogenbossen die Stirn geboten, denn das ist der einzige Ausweg.

Das haben wir in der Vergangenheit so gemacht, auch wenn es sehr lange gebraucht hat und es Blutvergießen gab. Wenn wir unsere Demokratien und Institutionen schützen wollen, müssen wir den Dorgenbossen energisch entgegentreten. Genau das macht Mexiko.

Euronews: Wenn wir in Kolumbien die Kokainproduktion und den Handel stoppen, ist dann gleichzeitig auch Schluss mit der Guerilla? Was halten Sie von der Idee des früheren Präsidenten César Gaviria, der weiche Drogen legalisieren wollte, um den illegalen Handel zu schwächen? Und so die Gewalt und die Korruption, die damit einhergehen? Könnte das in Kolumbien funktionieren?

Santos: Das ist weltweit ein wachsender Trend. Es gibt viele Leute, die solche Lösungen anbieten, wie Gaviria, Cardoso und Zedillo. Aber das kann niemals funktionieren, ohne dass es sich überall gleichzeitig durchsetzt. Allein oder mit einer Gruppe weniger Staaten kann man das gar nicht schaffen, dafür muss es eine globale Strategie geben, genau wie für den Kampf gegen Drogen insgesamt. Wir brauchen eine gemeinsame Vorgehensweise.

Euronews: In den letzten Jahren waren die Beziehungen Ihres Landes zu Venezuela und Ecuador sehr angespannt, vor allem unter Präsident Alvaro Uribe. Im Fall Venezuela dachten wir – korrigieren Sie mich bitte, wenn ich mich täusche-, dass ein bewaffneter Konflikt droht. Hat sich die Lage entspannt?

Santos: Keine Frage. Derzeit haben wir unsere Beziehungen zu Ecuador und Venezuela normalisiert. Wir haben Botschafter ausgetauscht. Davon profitieren unsere Staaten und die ganze Region. Es ist immer besser, im Dialog zu stehen, selbst wenn es Meinungsunterschiede gibt. Präsident Chavez und ich haben unterschiedliche Ansätze, aber wir respektieren die des anderen. Das ist das wichtigste. Wenn zwei Präsidenten sich bekämpfen, leiden die Menschen unter den Folgen.

Euronews: Lateinamerika hat in den 80er Jahren eine schwere Wirtschaftskrise durchgemacht. Obwohl die Ursachen für die Krise in Europa heute anders sind, sprechen Experten von Gemeinsamkeiten. Welchen Ratschlag geben Sie Europa aufgrund ihrer Erfahrungen, um der Wirtschaftskrise zu begegnen?

Santos: Vielleicht klingt es arrogant, aber Europa sollte von Lateinamerika lernen. Von der jüngsten Krise im Finanzsektor waren die wichtigsten Länder Lateinamerikas kaum betroffen, weil es Regulierungsmechanismen gab, die uns vor dem bewahrt haben, was woanders in der Welt geschehen ist.

Warum passiert das gleiche nicht in Europa? Weil WIR unsere Lehren aus den vielen Krisen gezogen haben. Europa hatte noch nie eine Krise wie diese, noch hat es UNSERE Erfahrungen damit gesammelt.

Euronews: Zum Abschluss: Ist Kolumbien ein sicheres Land für Investoren?

Santos: Natürlich. Das sage nicht nur ich, das sagt auch die Weltbank in ihrem “Doing business” Führer. Kolumbien hat sich zu einem Land gewandelt, dass mehr Sicherheit für ausländische Investitionen bietet. Ich vergleiche meine Strategie mit persönlichen Beziehungen: Sagen Sie von einer Person, Sie ist berechenbar, so wird das oft mit langweilig gleichgesetzt.

Nun, ich will, dass Kolumbien für ausländische Investoren langweilig wird. Mit anderen Worten: Berechenbar, mit klaren Spielregeln und Stabilität. Das wollen wir, deswegen können Investoren beruhigt sein.