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Die Rolle der Streitkräfte in Ägypten - Gespräch mit Burhan Ghalioun

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Die Rolle der Streitkräfte in Ägypten - Gespräch mit Burhan Ghalioun

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Wir sprechen mit Professor Burhan Ghalioun vom Institut für Orientalistik in Paris über die Rolle der Streitkräfte bei den Entwicklungen in Ägypten.

Euronews:

“Professor, was glauben Sie, wird das Verhalten der tunesischen Streitkräfte auch auf die ägyptische Armee abfärben?”

Ghalioun:

“Die Streitkräfte sind doch in den verschiedenen arabischen Ländern nicht die gleichen. Sie sind nicht gleich groß, haben nicht dieselbe Macht und sie nehmen nicht denselben Stellenwert ein.

In Tunesien war die Armee unter Ben Ali an den Rand gedrängt. Sie spielte eine Nebenrolle. In der Geschichte Tunesiens hat sie nie politisch gesehen eine große Rolle gespielt.

In Ägypten ist das ganz anders. Dort spielt die Armee eine wichtige Rolle und hat das schon immer getan. Denken Sie nur an den Putsch gegen die Monarchie. Und bei allem, was heute in Ägypten vor sich geht: die Armee greift nicht in den Konflikt mit den Massen ein, aber sie schützt die öffentlichen Institutionen. Diese Verantwortung hat sie auf sich genommen und nimmt sie wahr.

Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, es herrscht die Meinung in Ägypten, dass die Armee allein fähig ist, wieder Ordnung herzustellen, nachdem dies der Polizei nicht gelang. Und: dass die Armee das Land noch zusammenhalten kann, nachdem eine Opposition ja schwach beziehungsweise nicht vorhanden ist.”

Euronews:

“Meinen Sie, dass die Armee noch einmal putschen könnte wie 1952?”

Ghalioun:

“Nein, wir sind weit entfernt von den Vorgängen im Jahr 1952. Es gibt schließlich keine Monarchie. Die hochrangigen Offiziere der Armee stehen dem Volk nahe und befürworten Reformen. Ägypten hat sich weit von den Verhältnissen entfernt, die 1952 herrschten, als das Volk sich gegen den Kolonialismus auflehnte.

Das Volk will heute, dass die Armee die demokratischen Entwicklungen schützt. Es will nicht, dass sie Freiheiten einschränkt. Hier herrscht aber momentan innerhalb der Armee noch ein Konflikt, und auch zwischen der Armee und den Gouverneuren.”

Euronews:

“Was brauchen die Ägypter, die arabischen Völker allgemein, damit sie nicht abhängig von den Streitkräften sind?”

Ghalioun:

“Ich glaube überhaupt nicht, dass die Ägypter das so wahrnehmen, als ob sie abhängig von den Streitkräften wären. Im Gegenteil, sie gehen davon aus, dass die Armee auf ihrer Seite ist und dass die Armee dem Land mit Sicherheit nicht demokratische Entwicklungen vereiteln will.

Das Volk sieht die Armee in einem freundlichen Licht. Es ist nicht abhängig von der Armee. Das ist nicht so, wie Sie sagten.

Das Volk möchte selbstverständlich souverän sein. Wenn in Ägypten demokratische Verhältnisse herrschen, dann wird die Armee auch nur eine von verschiedenen Institutionen in dieser Demokratie sein.

Voraussetzung ist natürlich, dass die Armee nicht manipuliert wird und dass man ihr nicht ein Programm aufzwingt, vor allem nicht eines, welches sie außerhalb Ägyptens erfüllen soll. Dass man sie nicht in eine Rolle hineinzwingt, in der sie Wärterin einer Region sein soll, in der die Sicherheit Israels auf dem Spiel steht.”