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Wie sehen koptische Christen in Ägypten ihr Leben nach Mubarak...

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Wie sehen koptische Christen in Ägypten ihr Leben nach Mubarak...

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Am Sonntag bei der koptischen Mittagsmesse auf dem Tahrir Platz erzählt Sarah, eine Ärztin, wie sehr sie das gemeinsame Beten mit den Muslimen bewegt hat: “Ich war so gerührt, und ich habe gesehen, wie die Muslime geweint haben… “ Schon zwei Tage zuvor haben die Muslime auf dem Platz der Freiheit gebetet: die muslimischen Freitagsgebete. Und dabei haben sich die Christen um die Muslime gestellt, um sie zu schützen.
http://twipic.com/3w3lt8

“Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich sicher mitten in einer Menschenmenge in meinem Land,” freut sich die Moderatorin des christlichen TV-Senders Miracle, Nawal Tawfik. Sie findet, dass die Proteste das Gute in den Menschen hervorheben. “Zum ersten Mal habe ich auch das Gefühl, dass ich wirklich mitmache, dass ich tatsächlich ein Teil Ägyptens bin.” Und Nawal Tawfik sagt auch: “Wir hätten uns nie träumen lassen, dass es eine solche Bewegung geben könnte. Für mich war das ägyptische Volk wie tot. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen, als dass Gamal (der Sohn des Präsidenten -RED.) Husni Mubaraks Nachfolger wird.”

Ihrem Leben nach Mubark sieht Nawal Tawfik mit Optimismus entgegen: “Ich glaube, die Beziehungen zwischen Kopten und Muslimen können sich verbessern. Das sieht man hier, die Leute sind vereint, das ist ein gutes Zeichen. Es ist unglaublich, koptische Christen und Muslime so zusammen beten zu sehen.”

Die Menschenrechtsaktivistin Magda Boutros von der Nichtregierungsorganisation EIPR erklärt: “Das Regime stachelt den Konflikt zwischen den Religionen an. Ich glaube nicht, dass das ägyptische Volk zum Fanatismus neigt.”
http://www.eipr.org/en

Die junge Koptin Sarah erklärt weiter: “Für viele Kopten hatte Mubarak eine Schutzfunktion. Aber nach den Anschlägen der vergangenen Jahre – auch nach dem von Alexandria bei der Mitternachtsmesse am 31. Dezember – haben viele verstanden, dass sie auch Opfer der Unterdrückung des Regimes sind – genau wie die ägyptischen Muslime.”

“Am Anfang wollten viele Kopten nicht bei der Protestbewegung mitmachen, weil sie dachten, sie würde von der politischen Partei der Muslimbrüder angeführt”, sagt Sarah.
“Aber nach und nach haben sie gemerkt, dass die Bewegung viel breiter ist, dass alle politischen, religiösen und gesellschaftlichen Kräfte vertreten sind. Danach sind viel mehr Leute gekommen.”

Wie Sarah war auch Magda Boutros schon bei der ersten Demonstration am 25. Januar dabei. Sie war von der Anfangsposition der koptischen Kirche enttäuscht: “Ich hatte nicht von Papst Shenouda erwartet, dass er bei der Revolution mitmacht, aber er hätte sich neutral verhalten können statt Mubarak zu verteidigen.” Sarah meint, Shenouda solle politisch Stellung beziehen.

Die koptischen Christen, die ungefähr 10 Prozent der Ägypter repräsentieren, sind seit dem Umsturz von 1952 nicht mehr wirklich in der Politik vertreten. Aber in den vergangenen Jahren nachdem sich die Spannungen zwischen koptischen Christen und Muslimen verstärkt hatten und die Regierung offenbar nichts dagegen unternehmen konnte, haben die Kopten angefangen, auf die Straße zu gehen, um gegen die religiös motivierte Gewalt zu protestieren.

Auf die Frage der Gefahr, dass die Partei der Muslimbrüder die Macht übernehmen könnte, sagen einige Teilnehmer der Protestbewegung, dass man die Nachteile der Demokratie in Kauf nehmen müsse. Einige Kopten sind aber viel skeptischer.

Für die Menschenrechtskämpferin Magda Boutros sind die Kopten nicht in Gefahr. Ihrer Meinung nach ist es die Regierung, die die Muslimbrüder verteufelt. Viele Leute wissen auch, dass das eine Strategie der Regierung ist. Die Demonstrationen sind übrigens auch nicht von den Muslimbrüdern organisiert. Und sie wurden nicht von ihnen ‘geklaut’, wie das Staatsfernsehen behauptet hat. Tatsächlich sind die Muslimbrüder zahlreich an den Protesten beteiligt, aber sie sind nicht die Mehrheit der Demonstranten. Es gibt Kopten, Menschen, die nicht religiös sind, Muslime, die die Muslimbrüder nicht unterstützen…”
Magda Boutros glaubt auch nicht, dass die Muslimbrüder an die Macht gelangen werden. “Sie haben schon angekündigt, dass sie keinen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufstellen. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der Ägypter die Scharia (das islamische Recht) will.”

Moderate Muslime unterstreichen, dass auf jeden Fall die Verfassung geändert werden muss – und dass selbst wenn die Muslimbrüder an die Macht kommen, sie die Unterstützung des Volkes dafür benötigen.

Sarah hofft, dass in der Demokratie auch die Kopten endlich am politischen Leben in Ägypten beteiligt sein werden: “Nicht in einer religiösen Partei, aber in allen Parteien – wie alle anderen Ägypter auch.”

Aber die Fernsehmoderatorin Nawal Tawfik meint: “Die meisten Kopten haben Angst vor den Muslimbrüdern, und sie sind in der Mehrheit für Mubarak. Alle meine Freunde auf facebook haben mir davon abgeraten, bei den Demonstrationen mitzumachen. Ich habe keine Angst vor den Muslimbrüdern. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrheit der Ägypter sie wählen würden. Und selbst wenn es so wäre, dass die Muslimbrüder eines Tages an die Macht kämen, dann wäre das Schicksal. Vielleicht müssen wir diese Etappe hinter uns bringen, damit die Leute danach ihre Meinung ändern. Schlimmstenfalls könnte ich immer noch das Land verlassen. Auch das gehört zur Freiheit. Für mich ist die Freiheit wichtiger als unter Mubaraks Schutz zu bleiben.”
Ein junges Mädchen unterbricht uns und fragt sehr höflich: “Darf ich Sie mit Ihrer Freundin fotografieren? Die Leute sagen immer wieder, dass hier nur Muslimbrüder sind. Ich will ihnen zeigen, dass das nicht wahr ist.”

Moïna Fauchier Delavigne und Hussein Emara
Für euronews aus Kairo

Foto von Asmaa Youssef