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Ägypten: Sind die Muslimbrüder eine Gefahr?

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Ägypten: Sind die Muslimbrüder eine Gefahr?

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Seit dem Beginn der Protestbewegung in Ägypten am 25. Januar erregt eine Frage die Gemüter in der westlichen Welt: Was passiert, wenn nach Mubarak die Muslimbrüder an die Macht kommen?
Tatsächlich hat Präsident Husni Mubarak, der seit 1981 an der Macht ist, jegliche Opposition aus der politischen Landschaft verbannt – die einzige Bewegung, die über einigen Rückhalt in der Bevölkerung verfügt, sind offenbar die Muslimbrüder, die in Ägypten zwar verboten sind, aber toleriert werden. Seit den letzten Parlamentswahlen im November gibt es so gut wie keine Oppositionsabgeordneten mehr.
Viele koptische Christen wollten sich am Anfang nicht an den Protesten beteiligen, weil sie glaubten, diese würden von den Muslimbrüdern organisiert. Doch viele haben ihre Meinung inzwischen geändert.

Und was schreibt die englischsprachige Presse dazu? Der Economist titelt The West should celebrate, not fear, the upheaval in Egypt. “Der Westen sollte den Aufstand in Ägypten feiern – statt ihn zu fürchten”. Darin heißt es: “Die Abkehr des Volkes von Mubarak eröffnet dem Nahen Osten die beste Chance auf Reformen seit Jahrzehnten. Wenn der Westen das ägyptische Volk nicht bei seinem Wunsch, das eigene Schicksal zu bestimmen, unterstützen kann, dann sind seine Aufrufe für Demokratie und Menschenrechte anderswo nichts wert. Wandel bringt Risiken mit sich – wie könnte es anders sein nach so langer Zeit? -, aber diese Risiken sind nichts im Vergleich zur Alternative, dem trostlosen Status Quo.”

Der Economist beschreibt die Revolte als “friedlich (bis die Handlanger der Regierung auftauchten), populär (kein Robespierre oder Trotzki hinter den Kulissen) und säkular (der Islam kommt kaum vor). (…) Angetrieben von der Macht der Bürger könnte der Aufstand in Ägypten zu einem Wandel führen, der dem in Osteuropa ähnelt. “(…)“Aus den Überresten von Mubaraks Regime wird nicht sofort eine perfekte Demokratie entstehen. Für einige Zeit ist Chaos wahrscheinlich. Aber obwohl es arm ist, hat Ägypten eine erfahrene Elite, eine gut ausgebildete Mittelklasse und einen stark ausgeprägten Nationalstolz. Es gibt gute Gründe dafür zu glauben, dass die Ägypter Ordnung in das Chaos bringen werden.”

Die Popularität der Muslimbrüder schätzt der Economist auf etwa 20% – Tendenz fallend: “Wenn die Demokratie in Ägypten gedeihen soll, müssen die Muslimbrüder am Kampf um die Macht teilnehmen dürfen.” Die Zeitschrift verweist auf andere Staaten, in denen sich islamistische Parteien an der Demokratie beteiligen – wie die Türkei, Malaysia und Indonesien. “Es gibt keine Garantie dafür, dass sich die Revolution in Ägypten zum Besten wenden wird. Was sicher ist, ist dass Autokratie zum Aufstand führt und dass Demokratie die beste Garantie für Demokratie ist.”

Einen weiteren optimischen Leitartikel hat die New York Times veröffenticht . Thomas L. Friedman schreibt, er sei “nicht im Mindesten besorgt darüber, dass die Muslimbrüder in Jordanien oder in Ägypten die Zukunft verbauen könnten.” Zum ersten Mal drohe den Muslimbrüder sowohl in Jordanien als auch in Ägypten Konkurrenz aus der politischen Mitte und sie müssten etwas anderes bieten als einfach nur Kritik an den Her rschenden.

Thomas L. Friedman zufolge hatten die Muslimbrüder bisher keine wirklichen politischen Gegner ohne religiöse Bindung. Deshalb argumentierten die Regime dem Westen gegenüber: entweder sind wir an der Macht oder die Islamisten.

Nick Kristof, der ebenfalls für die New York Times schreibt, spricht vom halb vollen Glas. “Keiner kann mit Sicherheit voraussagen, was passieren wird. Aber vor Demokratie braucht man sich nicht zu fürchten – so seltsam dieser Satz von einem amerikanischen Journalisten geschrieben auch klingen mag. Wenn die Demokratie im Nahen Osten siegt, wird es einige Demagogen, Nationalisten und Hurra-Patrioten geben, wie es sie in Amerika und Israel auch gibt, und sie werden die Diplomatie komplizierter machen. Aber erinnern wir uns daran, dass Mubaraks Unterdrückung und Folter rachelüsterne Extremisten hervorgebracht hat wie Al Kaidas Ayman Al-Zahwahri, die rechte Hand von Osama Ben Laden. Es wäre tragisch, wenn unsere Ängste uns davon abhielten, Freiheit und Demokratie im bevölkerungsreichsten Staat der arabischen Welt zu begrü ßen.”

Auch in der Washington Post werden die USA daran erinnert, dass sie die Demokratie in Ägypten befürworten. “Die Gefahr, die vom Islamismus ausgeht, muss berücksichtigt werden. Aber die US-Regierung konzentriert sich auf das falsche Problem – und steht als Folge davon auf der falschen Seite. Die größte Gefahr zu der von den USA geforderten ‘echten Demokratie’ in Ägypten geht nicht von der extremen Opposition aus, sondern von dem Regime, das Washington unterstützt.”

Moïna Fauchier Delavigne