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"Frankreich will seine Leichen im Keller vergessen machen." Claude Moniquet zu französisch-britischem Vorpreschen in Sachen Libyen


Libyen

"Frankreich will seine Leichen im Keller vergessen machen." Claude Moniquet zu französisch-britischem Vorpreschen in Sachen Libyen

Claude Moniquet,

ist Experte für Fragen der Strategie und Sicherheit, Gründer eines Brüsseler Institutes, das sich auf Geo-Strategie spezialisiert hat.

An ihn die Frage: Warum ist der Militäreinsatz in Libyen zu einem Krieg der Franzosen und Briten geworden? Warum gingen diese beiden Staaten voran?

Claude Moniquet

Ja – das ist ein wenig delikat, weil hier mehrere sehr gute Absichten vermengt werden. Und zwar: dem libyschen Volk zu helfen, das unter den Bomben des Gaddafi-Regimes leidet. Klar ist auch – und das wird auf diversen Korridoren gemunkelt – man hat Leichen im Keller, die unangenehm sind.

Man erinnere sich an den Pomp, mit dem Frankreich vor gut 3 Jahren Muammar al Gaddafi empfangen hatte. Das passierte allerdings auch anderswo. Dann gab zu Jahresbeginn diese “tunesische Episode” , die Ferienreise der Außenministerin Alliot-Marie, eine ziemlich peinliche Affäre für Frankreich. Das alles möchte Frankreich vergessen machen. Und auf der britischen Seite gab es vor zwei Jahren diese beklagenswerten Verhandlungen um den Terroristen al-Megrahi. Der libysche Agent war für das Attentat von Lockerbie zu lebenslanger Haft verurteilt worden und wurde wegen seiner Krebserkrankung im Endstadium entlassen.

In jedem Fall ging es um britische Erdölinteressen.

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Der Sohn von Gaddafi hat behauptet, er habe Beweise dafür, dass Libyen den Wahlkampf von Nikolas Sarkozy finanziert habe. Hat diese Anschuldigung den französischen Interventionismus befördert?

Claude Moniquet

Nein, ich glaube nicht, dass Gaddafi wirklich diesen Wahlkampf finanziert hat. Man hat da jemanden vor sich, der als Lügner bekannt ist.

Ich denke, sein Sohn Saif Al Islam hat in dieser Schule gut gelernt. Ich halte es für reine Kriegspropaganda, um die Operation der anderen zu diskreditieren.

euronews

Sie haltes es also für reine Propaganda, die Beweise für Phantasieprodukte ?

Claude Moniquet

Man wird sehen, ob diese Beweise eines Tages folgen und dann urteilen können.

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Sind Ihrer Meinung nach bei Frankreich und Großbritannien andere Interessen im Spiel?

Claude Monique

Das Hauptinteresse dürfte sein, man möchte gegenüber der seit drei Monaten aufgeheizten arabischen Welt eine klare Position zeigen. Die Krise dort ist nicht vorbei. Da war es nötig zu zeigen, dass Europa verstanden hat.

Ich glaube, dass es ein edles politisches Interesse dafür gibt, loszuziehen. Und zweitens hatten offenbar die Amerikaner keinen Grund, sich selbst in die erste Reihe zu stellen.

Die amerikanische Intervention im Irak, die noch nicht zu Ende ist, hat bei den Arabern sehr böse Erinnerungen hinterlassen, so dass eine Operation unter amerikanischer Führung sehr viele Fragen aufwerfen würde.

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Geht es also um den Willen dieser beiden europäischen Mächte, Glaubwürdigkeitspunkte auf der internationalen Bühne zu sammeln, besonders gegenüber den USA?

Claude Moniquet

Da tut sich ein seltenes Fenster auf für Möglichkeiten Europas, wenn Europa denn international agieren will. Und wenn es eine Region gibt, in der Europa Präsenz zeigen kann, dann ist das wirklich Nordafrika. Nordafrika und Libyen, das liegt für uns auf der anderen Straßenseite. Ebenso Marokko, Algerien, Tunesien. Das sind unsere Nachbarländer. Länder mit denen wir eine gemeinsame Geschichte haben und jahrhundertelange Beziehungen. Dort können wir präsent sein und ich halte es für eine gute Politik zu zeigen, dass wir uns für die Situation dort interessieren und dass wir an der Seite der Völker stehen.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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