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Politikwissenschaftler Pascal Chaigneau: "Libyen könnte geteilt werden"

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Politikwissenschaftler Pascal Chaigneau: "Libyen könnte geteilt werden"

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euronews:
Pascal Chaigneau ist Professor für Politikwissenschaft an der Pariser Descartes-Universität.
An ihn die Frage nach den nächsten Zielen – nachdem die internationale Koalition Gadaffis Luftwaffe ausgeschaltete hat.

Pascal Chaigneau:
Es muss die Einhaltung der Flugverbotszone durchgesetzt werden und gleichzeitig gilt es, dauerhaft in der Luft präsent zu sein, um je nach Lage Ziele am Boden auszumachen und wenn nötig anzugreifen. Sie erleben hier ein Phänomen:
die Operationen gehen weiter, werden aber von Tag zu Tag weniger. Die Schwierigkeit besteht im Erreichen des strategische Zieles.

Denn wenn das strategische Ziel darin besteht, Gaddafi zu verjagen, dann muss es die Taktik sein, dafür zu sorgen, dass seine Armee sich von ihm abwendet, was außer einigen Einzelfällen noch nicht der Fall ist.

euronews :
Meinen Sie, diese Taktik könnte kurz- oder mittelfristig aufgehen?

Pascal Chaigneau :
Fest steht, dass diese Armee im Moment der Luftschläge nicht geschwächt ist.

Es besteht das Risiko, dass das Land auseinanderfällt. Das entsprechende Szenario, das wenig akzeptabel sein dürfte, geht von einer Teilung aus, bei der Muammar al Gaddafi eine Zone rund um Tripolis behält, und so wieder zum Verhandlungspartner wird. Einfach zu gehen ist für ihn keine reizvolle Perspektive, weil ihm dann der internationale Strafegerichtshof droht.

So nimmt heute eine radikale Haltung ein, setzt darauf, dass ihm in Treue verbundene Einheiten verbleiben. Die sind möglicherweise nicht sehr zahlreich, dafür aber radikal entschlossen.

euronews :
Die USA wollen um jeden Preis einen neuen Konflikt à la Irak oder Afghanistan vermeiden und schieben dafür die NATO vor. Aber das schafft eine Spaltung der internationalen Gemeinschaft. Warum?

Pascal Chaigneau:
Frankreich will auf keinen Fall, dass die Fahne des Westens, jene der NATO, aufgezogen wird.

Das wäre sehr ungeschickt, weil damit dann Libyen und die arabische Welt generell diese Intervention als eine des Westens ansehen würde.

Die Amerikaner halten sich auf der Entscheidungsebene zurück, weil sie nach ihren Verwicklungen in Irak und Afghanistan nicht noch in einen dritten Konflikt in einem muslimischen Land geraten wollen.

euronews :
Es besteht Uneinigkeit zwischen Paris und London auf der einen Seite und Berlin auf der anderen. Die EU ist sich in Sachen Libyen uneinig. Wie kann da eine gemeinsame Position gefunden werden?

Pascal Chaigneau:
Das erste Opfer eines Kollateralschadens bei dieser Operation ist das enge französisch-deutsche Bündnis. Da hat sich wirklich nach und nach über die Jahre hin auf dem Gebiet der Verteidigung eine Achse Paris-London herausgebildet.

Aber diese Libyen-Operation schwächt ehrlich gesagt die europäische Diplomatie. Machen wir uns doch nichts vor, die Gegensätze sind zahlreicher als die Übereinstimmungen, die französisch-deutsche Achse wird dauerhaft geschwächt.