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"Verbrechen in der Elfenbeinküste dürfen nicht vergessen werden"

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"Verbrechen in der Elfenbeinküste dürfen nicht vergessen werden"

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Richtungswechsel in der Elfenbeinküste. Um die Lage besser zu verstehen, hat euronews Afrika-Experte Philippe Hugon vom Institut für Internationale und Strategische Beziehungen in Paris interviewt.

Laurence Alexandrowicz, euronews:
“Warum hat sich Laurent Gbagbo bisher geweigert, das Unvermeidliche zu akzeptieren?”

Philippe Hugon, Afrika-Experte:
“Weil er ein Widerstandskämpfer ist. Er denkt meiner Meinung nach, dass er die Wahlen tatsächlich gewonnen hat. Er will wie der Verteidiger einer zweiten Unabhängigkeit erscheinen. Er geht bis an die Grenzen. Schon immer war er ein Widerstandskämpfer. Unter Houphouet-Boigny war er im Gefängnis, er geht bis an seine Grenzen. Jetzt stehen die Kräfteverhältnisse nicht günstig für ihn.”

euronews:
“Welches Bild wird die Elfenbeinküste von Laurent Gbagbo in Erinnerung behalten?”

Hugon, Afrika-Experte:
“Laurent Gbagbo hat eine wichtige historische Rolle gespielt. Er hat einen sehr tapferen Kampf unter Houphouet-Boigny geführt. Er hat gegen die Apartheid gekämpft. Deswegen hat er viele Freunde in Südafrika und Angola, er bleibt also als Widerstandskämpfer in Erinnerung. Andererseits war seine Präsidentschaft nicht sehr erfolgreich. Dann sind die Wahlen noch um fünf Jahre verschoben worden. Er hat das Ergebnis des Urnengangs nicht anerkannt. Sicherlich ist sein Image dadurch angekratzt.”

euronews:
“Ist Alassane Ouattara wirklich ein Glücksfall für die Elfeneinküste? Können wir sicher sein, dass er besser für sein Land ist als Gbagbo?”

Hugon, Afrika-Experte:
“Natürlich muss er seine Statur als Staatschef noch unter Beweis stellen. Er ist ein Technokrat. Er war stellvertretender Chef des Internationalen Währungsfonds. Allerdings muss er viele Herausforderungen meistern: Beispielsweise die Entwaffung. Und er muss eine Regierung der nationalen Einheit aufbauen. Er muss in der Elfenbeinküste für Vertrauen sorgen. Und dann muss noch die Wirtschaft wiederaufgebaut werden. Ganz zu schweigen vom politischen Tagesgeschehen, wie die Bekämpfung der Gewalt und der humanitären Krise.”

euronews:
“Kann denn Alassane Outtara wirklich der legitime Präsident einer nationalen Versöhnung sein? Vor dem Hintergrund, dass seinen Truppen Massaker bei dem Angriff auf Abidjan vorgeworfen werden?”

Hugon, Afrika-Experte:
“Das ist sicher, aber um solch eine Statur zu erlangen, muss es eine Aufarbeitung geben, eine Art Wahrheitskommission für eine Aussöhnung, und dass die Verbrechen aller Parteien nicht einfach in Vergessenheit geraten.”

euronews:
“Philippe Hugon, Sie sind Franzose. Paris ist in drei Kriege verwickelt: In Afghanistan, Libyen und in der Elfenbeinküste. Warum die Verpflichtungen zum Mandatsende von Nicolas Sarkozy? Aus Wahlkalkül?”

Hugon, Afrika-Experte:
“Sicherlich kann man sagen, dass sich ein Image als Kriegsherr, als Militärchef positiv auf die öffentliche Meinung auswirken kann. Ich persönlich glaube zwar nicht, dass das die Hauptmotivation ist. Aber ich denke, dass Nicolas Sarkozy, der sich eigentlich von seinem Einsatz in Afrika teilweise zurückziehen und die Beziehungen normalisieren wollte, dass sich Sarkozy in dem klassischen Dilemma befindet: Braucht es Gleichgültigkeit oder Einmischung? Die zukünftige Geschichte wird sagen, ob er Recht oder Unrecht hatte.”