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Atomkonzernsprecher: Tschernobyl-Stufe 7 für Fukushima übertrieben

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Atomkonzernsprecher: Tschernobyl-Stufe 7 für Fukushima übertrieben

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Was von Anfang an befürchtet wurde, ist nun eingetreten: Japan hat Gefahrenstufe für die Nuklearkatastrophe in Fukushima hochgestuft – so hoch wie einst in Tschernobyl. Wir wollten dazu die Einschätzung von Sergej Novikov, dem Sprecher des staatlichen russischen Atomkonzerns ROSATOM in Moskau.

euronews:
“Herr Novikov, einerseits stuft Japans Atomaufsichtsbehörde die Gefahrenstufe aufs Maximum, sieben, hoch, andererseits verkündet sie, es sei nicht mehr als ein Zehntel der Radioaktivität ausgetreten, die in Tschernobyl freigesetzt wurde. Wie erkären Sie das?”

Sergej Novikov:
“Das Schlimmste, was hätte passieren können, wäre die Kernschmelze in den aktiven Bereichen und Abklingbecken aller sechs Reaktoren gewesen. Zu diesem Horrorszenario ist es nicht gekommen. Jetzt reden wir nur über die mögliche Schmelze in einem der Reaktoren, und da geht es um Brennstoff innerhalb der Sicherheitsbehälter, und dies scheint auch so zu bleiben. Das ist nicht das Gleiche wie in Tschernobyl. Was die Einstufung der japanischen Behörden angeht: Das ist jetzt das andere Extrem – anfangs wurde die Bedrohung offensichtlich unterschätzt, jetzt wird sie offensichtlich übertrieben. Was man erkennen kann, sieht eher nach Niveau sechs der INES-Skala aus. Unsere französischen Kollegen sahen das jüngst auch so, wir kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Es sieht so aus, als ob auch die Internationale Atomenergieorganisation den Unfall bei sechs einstuft. Gefährlich bleibt es in jedem Fall – aber man sollte nicht die Bevölkerung verängstigen.”

euronews:
“Wir wissen, inwieweit der Boden verseucht ist, aber bei Fukushima verschärft sich die Lage anders als bei Tschernobyl dadurch, dass der Reaktor am Meer liegt – mit all dessen Ressourcen, die vom Menschen gegessen werden. Was könnte weiter passieren?”

Sergej Novikov:
“Alle Überprüfungen der Monitoring-Experten Japans und Russlands zeigen, dass sich an der Grenze der Evakuierungszone von zwanzig Kilometern die Höhe der radiaktiven Strahlung den Normalwerten nähert. Wenn man über eine 200-Kilometer-Zone redet, das heißt über Tokio, dann ist das Level dort heute sogar niedriger als das in Moskau. Im Leitungswasser finden sich seit dem 10. April keine Cäsium- und Jod-131-Spuren mehr.”

euronews:
“Immer mehr Beobachter fragen sich, ob die Vorfälle in Fukushima langfristig, vielleicht sogar für immer, die öffentliche Meinung zur Atomkraft ändern könnte. Welche Perspektiven hat Ihrer Meinung nach die Atomkraft in Russland und sonst in der Welt?”

Sergej Novikov:
“Ich appelliere an die Verbraucher, die solche Ideen verbreiten, sich an die Tatsachen, an die realen Folgen des Unfalls zu halten. Was weiß man heute? Ja, der Unfall war schwerwiegend, es wäre dumm, das nicht einzugestehen. Aber wenn man die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit betrachtet, gibt es unter den gut 20.000 Toten kein einziges Strahlenopfer. Sogar die Liquidatoren, die in den Bereichen mit hoher Strahlung arbeiten, haben noch nicht die maximale Dosis abbekommen, die die japanische Regierung bei 250 Millisievert festgelegt hat. Was bedeutet, dass es keine Strahlenfolgen für ihre Gesundheit gibt. Ich fordere deshalb alle auf, das Ende dieses Unfalls abzuwarten, bevor man über die Konsequenzen dieser Katastrophe für die weltweite Atomenergie urteilt.”