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"Vergewaltigung' heißt nicht das Gleiche auf beiden Seiten des Atlantiks"

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"Vergewaltigung' heißt nicht das Gleiche auf beiden Seiten des Atlantiks"

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Frankreich rätselt – was ist da passiert in dem New Yorker Hotelzimmer, dass ein potentieller Präsidentschaftskandidat wie Dominique Strauss-Kahn ein Vierteljahrhundert hinter Gittern riskiert ? Offenbaren sich da am Ende gravierende Unterschiede in der Rechtsauffassung ?

Ein Zwischenruf von Jean Quatremer, Journalist der Zeitung Libération und Franzose.

Jean Quatremer:

“Der Tatbestand der Vergewaltigung ist in den USA ohne Zweifel viel weiter gefasst als bei uns in Frankreich.

Ähnliches gilt auch im Vergleich zu Schweden, wie die Affäre Julian Assange/Wikileaks zeigt. Er ist wegen Vergewaltigung angeklagt – bei uns wäre das keine. In Schweden reicht es, dass eine Frau ‘nein’ sagt, oder nicht ausdrücklich ‘ja’ – und es wird eine Vergewaltigung draus.

Auch in den Vereinigten Staaten ist der Begriff ‘sexuelle Belästigung’ sehr weit gefasst. Da kann schon ein Blick zu viel sein, wenn er aufdringlich ist. Offensichtlich fällt da sehr viel drunter.

Wir Franzosen stellen uns eine versuchte Vergewaltigung als eine extrem gewalttätige Sache vor, da wird die Frau geschlagen, da werden Kleider vom Leib gerissen, usw. … aber das kann schon bei sehr viel weniger beginnen. Man muss also vorsichtig sein mit Begriffen auf beiden Seiten des Atlantiks – sie bedeuten nicht das Gleiche. In den USA vor allem ist man ohne Gnade gegen alles, was die Gleichstellung der Geschlechter missachten könnte.”

Sergio Cantone, euronews:

“Politisch gesehen – wer könnte profitieren von diesen kulturellen Differenzen beim Begriff ‘Vergewaltigung’ und den Schwächen von Dominique Strauss-Kahn ?”

Jean Quatremer:

“Ich glaube absolut nicht an eine Verschwörungstheorie. Es ist unvorstellbar, dass Strauss-Kahn eine Falle gestellt wurde. Außerdem, wenn es eine Falle gewesen sein sollte und er fällt rein – auch das wäre ein Fehler. Es soll sich ja um eine Reinigungskraft handeln, die seit drei Jahren in dem Hotel arbeitet, mit Migrationshintergrund, offenbar aus Guinea. Da scheint eine Manipulation nicht haltbar. Es steckt offensichtlich etwas anderes dahinter.”