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Der Fall Dominique Strauss-Kahn und die Rolle der Medien


Frankreich

Der Fall Dominique Strauss-Kahn und die Rolle der Medien

Dieser Blick. Dieser Absturz. Da bleibt in Frankreich sogar abgebrühten Lästermäulern der Spott im Hals stecken. Eine Schuld des festgenommenen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn ist bisher nicht erwiesen, aber demontiert scheint er längst.

Auch beim politischen Gegner ist von Freude oder Erleichterung nichts zu spüren, nicht mal klammheimlich. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy rief seine Partei zu Geschlossenheit und Zurückhaltung auf.

Auf die Frage: “Schockieren Sie die Bilder von der Anhörung”, gestellt von der Tageszeitung “France Soir”, antworteten die meisten Befragten mit “ja”.

Man spüre eine gewisse Wut im Umgang mit dem prominenten Franzosen, die Behandlung sei nicht verhältnismäßig.

Mehr als 350 000 Einträge im Internet befassen sich inzwischen mit dem Thema “DSK, unrasiert”. Und ein Blogger stöhnt: “Einen Kamm haben sie ihm gegeben. Aber einen Rasierer nicht.”

Nach der Festnahme war Strauss-Kahn unrasiert, eingefallen, mit offenem Hemd und allem

Anschein nach völlig übermüdet vor Gericht erschienen.

Farouk Atig, euronews:

“Aus Paris ist uns Bruno Jeudy zugeschaltet, Chefredakteur der Zeitung “Journal du Dimanche”. Mit ihm möchten wir über politische und diplomatische Aspekte der Affäre Strauss-Kahn sprechen. Ist das eine Demütigung für die ganze französische Politik?”

Bruno Jeudy, Le Journal du Dimanche:

“Ja, es ist zweifellos eine Demütigung für die Sozialistische Partei, für den IWF und auch für Frankreich entsprechend der Bedeutung, die Dominique Strauss-Kahn immer noch hat.

Diese gewichtige Person sitzt seit 72 Stunden im Gefängnis.”

Farouk Atig, euronews:

“Man kann ja feststellen, dass die meisten amerikanischen Medien mit DSK nicht gerade zimperlich umgegangen sind. Viele haben ihn schon als schuldig bezeichnet, obwohl doch noch die Unschuldsvermutung gilt.”

Bruno Jeudy, Le Journal du Dimanche:

“Das ist wirklich ziemlich schockierend für und Franzosen, die die Unschuldsvermutung sehr wichtig nehmen und die ein total anderes Rechtssystem haben. Im amerikanischen System geht es recht hurtig zur Anklageprozedur, die auf spektakuläre Weise in Szene gesetzt wird, so dass der Beschuldigte durch die Bilder seiner Vorführung in Handschellen bereits wie ein Schuldiger dargestellt wird – mit Bildern sogar aus dem Gericht, wie sie in Frankreich verboten sind.

Wir haben das “Gigou-Gesetz”, benannt nach der sozialistischen Justizministerin Elisabeth Gigou, das Fotos von Beschuldigten in Handschellen verbietet. Es stimmt, das ist ein System, das die Franzosen schockieren kann, das aber gleichzeitig das Opfer schützt. Man sieht auch, in den USA werden beide Versionen, die des mächtigen Mannes und die des Zimmermädchens gleich behandelt.

Man kann sich fragen, ob das in Frankreich in so einem Fall auch so wäre – sicher ist das nicht.”

Farouk Atig, euronews:

“Ich möchte noch beim Thema Medien bleiben.

Verschiedene amerikanische Zeitungen werfen den französischen Parteilichkeit in dieser Affäre vor. Was denken Sie? Sie sind Chefredakteur beim “Journal du Dimanche”.”

Bruno Jeudy, Le Journal du Dimanche:

“Ich denke, dass ein Teil der Presse völlig fassungslos reagierte und sagte, es sei absolut unglaubhaft, dass DSK wenigen Monaten vor dem Präsidentenwahlkampf so etwas tut. Fakt ist, DSK wurde festgenommen, beschuldigt, in Handschellen gelegt und eingesperrt. Die Sache scheint sehr schwerwiegend zu sein, wenn man der amerikanischen Polizei glaubt.

Jetzt muss man die Version von DSK abwarten.

Die unterschiedlichen Zeitangaben führen dazu, dass in Frankreich ein Teil der Presse sehr vorsichtig mit der Affäre umgeht. Es sieht vielleicht ein wenig nach Schutz für DSK aus.”

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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