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"Wir erleben einen französischen Anita-Hill-Moment"

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"Wir erleben einen französischen Anita-Hill-Moment"

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Die Affaire um Dominique Strauss-Kahn hat das politische Frankreich erschüttert. Mit einem Knall kamen bisher verschwiegene Themen ans Licht, etwa das machohafte Verhalten von männlichen Politikern gegenüber Frauen. Ironie des Skandals um DSK: Mit Christine Lagarde könnte der Chefposten im IWF jetzt an eine Frau gehen.

euronews: Nicole Bacharan ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt französisch-amerikanische Beziehungen. Und sie ist Co-Autorin eines neuen Buches über die Geschichte der Frauen. Frau Bacharan, kürzlich haben Sie gesagt: “Endlich sprechen Frauen über das inakzeptable sexuelle Verhalten in manchen französischen Kreisen.” Andere Frauen in der westlichen Welt haben schon vor Jahren dagegen protestiert, als das schwache Geschlecht behandelt zu werden. Kommt diese Einsicht in Frankreich etwas später?

Nicole Bacharan: Ja, das ist wirklich so. Natürlich kämpfen auch französische Frauen schon lange für ihre Rechte, die Frauenbewegung hier hat eine lange Geschichte und dennoch haben wir uns wohl immer der Illusion hingegeben, dass die Beziehung zwischen Männern und Frauen in Frankreich irgendwie eleganter seien, zivilisierter, kultivierter. Ich denke, viele Männer haben unter dem Deckmantel dieser Illusion häufig ihre Machtposition missbraucht. Und Frauen haben dieses Verhalten viel zu lange auch ermöglicht. Es wird Zeit, dass das alles rauskommt.

euronews: Kommen wir von einem gesellschaftlichen zu einem finanzpolitischen Blickwinkel: Dominique Strauss-Kahn ist raus beim IWF – kommt das der US-Politik gelegen?

Bacharan: Na, ich denke es ist ein Rückschlag für den französischen Einfluss, vielleicht auch den europäischen. Aber Dominique Strauss-Kahn hat ja offensichtlich sehr gut mit seinen amerikanischen Partnern zusammengearbeitet. Mir scheint, als gebe es im IWF eine recht große Übereinstimmung bei der Zielen der gegenwärtigen US-Regierung und der EU. Und die Obama-Regierung hat ja auch einem weiteren Europäer an der IWF-Spitze zugestimmt.

euronews: Sie spielen auf die Französin Christine Lagarde an, warum gefällt sie den Amerikanern?

Bacharan: Erstens scheint sie der europäische Kandidat schlechthin zu sein. Und die Amerikaner haben offenbar ihren Frieden gemacht mit der Vorstellung, dass wieder ein Europäer an der IWF-Spitze steht. Zweitens: Sie ist eine Frau. Und unter den aktuellen Umständen kann man wohl keinen Mann aus Frankreich zum IWF-Chef machen. Sie genießt wegen ihrer Finanzpolitik in ganz Europa hohes Ansehen, aber eben auch in den USA. Sie hat lange als Anwältin in den Staaten gearbeitet, spricht fließend Englisch und man kann gut mit ihr arbeiten.

euronews: Wie denkt man auf beiden Seiten des Atlantiks über einen nicht-europäischen Kandidaten?

Bacharan: Ich denke, alle wissen, dass das früher oder später passieren wird. Und dass es wahrscheinlich eine gute Sache ist, nur eben nicht jetzt. Nicht zu einer Zeit, wo der IWF vor allem in Europa aktiv ist. Europa kostet am meisten und ist wirklich in einer Notlage. Bei aufstrebenden Ländern ist das nicht der Fall. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Europäer oder Amerikaner einen chinesischen Kandidaten wünschen, da man weiß, dass der Kurs der chinesischen Währung vom Staat festsetzt wird, sich also den regulären Marktmechanismen entzieht. Es gibt also zur Zeit keine große Wahl.

euronews: Was bedeutet dieser Führungswechsel im IWF für die Eurozone?

Bacharan: Es bedeutet wahrscheinlich einfach Kontinuität. Die Eurozone kämpft derzeit ums Überleben. Falls Christine Lagarde Chefin des IWF wird, dann wird sie vieles ändern im Vergleich dazu, was Dominique Strauss-Kahn tun wollte. Aber sie wird mit Sicherheit die Anstrengungen zur Rettung der Eurozone vorantreiben. Und wir sind gerade wirklich in der Situation, wo wir sieretten müssen.

euronews: Nochmal zurück zum gesellschaftlichen Aspekt: Würde sich die Beziehungen der Geschlechter in Frankreich ändern, wenn Lagarde den IWF anführt, oder wird sich das niemals ändern?

Bacharan: Ich denke wir erleben gerade so etwas wie einen französischen “Anita-Hill-Moment.” Sie erinnern sich vielleicht daran, als in den USA die Juraprofessorin Anita Hill öffentlich wegen sexueller Belästigung aussagte. Und eben alles öffentlich wurde. Es gab allerdings keine Gewalt und endete nicht vor Gericht. Sie machte es einfach öffentlich, dass Frauen in vielen Unternehmen häufig mit überheblichen, sexuellen Anspielungen konfrontiert sind. Obwohl sie das nicht wollen. Es ist eine Machtposition zwischen den stärkeren Männern und schwächeren Frauen. All das war, zumindest manchmal, sexuelle Belästigung. Und ich denke, das kommt jetzt auch in Frankreich ans Tageslicht. Und ich denke, das wird auch gesellschaftliche Veränderungen bringen. Wir brauchen keine neuen Gesetze, sondern die bestehenden müssen nur richtig angewandt werden.