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AfEB-Präsident Kaberuka: "Afrika will neues Verhältnis zu Europa"

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AfEB-Präsident Kaberuka: "Afrika will neues Verhältnis zu Europa"

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Nach Auffassung vieler Menschen hätte es das “afrikanische Jahrhundert” werden können. Der Kontinent hat die globale Wirtschaftskrise relativ gut gemeistert, der Internationale Währungsfonds sagt Afrika ein schnelleres Wachstum als Südamerika voraus. Donald Kaberuka aus Ruanda ist Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank. Er gilt als einer der wichtigsten Entscheidungsträger, die Afrika von der Armut befreien und zu einem Kontinent voller Ressourcen machen wollen.

euronews-Reporter Annibale Fracasso hat ihn gefragt, wie er sich die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas vorstellt und wie er sie voranbringen will.

Annibale Fracasso, euronews: “Steigende Öl- und Lebensmittelpreise drohen die Bemühungen der Afrikanischen Entwicklungsbank um eine Erholung Afrikas von der Wirtschaftskrise zu gefährden. Was kann die Bank tun, um diese Folgen zu reduzieren?”

Donald Kaberuka: “Nun, da haben Sie recht. Der Anstieg der Lebensmittelpreise ist eine zusätzliche Schwachstelle. Aber wir haben genug Wirtschaftskraft aufgebaut, um dem Schock standhalten zu können. Ich hoffe, dass die internationale Lage freundlich bleibt, und ich bin zuversichtlich, dass wir weiterhin Fortschritte machen können.”

euronews: “Das Hauptquartier der Afrikanischen Entwicklungsbank befindet sich in Tunis, wo die Jasmin-Revolution begonnen hat. Welchen direkten Einfluss haben diese afrikanischen Revolutionen auf Afrika?”

Donald Kaberuka: “Zunächst einmal einen positiven Einfluss. In dem Sinne, dass Regierungs- und Einbindungsangelegenheiten geregelt werden müssen. Denn wenn das nicht geschieht, gibt es keine nachhaltige wirtschaftliche Stabilität. Zweitens, wenn Sie die Rolle Afrikas als Ganzes nehmen, einschließlich Nordafrika, dann hat uns die Revolution zwei Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes gekostet. Das soll heißen, dass wenn Sie Afrika minus Nordafrika nehmen, dann haben Sie eine Wachstumsrate von 6 Prozent. Wenn Sie Nordafrika miteinbeziehen, dann sind es gut 4 Prozent. Aber ich denke, das ist ein vorübergehendes Phänomen, ein vorübergehender Verlust nach der Revolution. Ich bleibe zuversichtlich, dass wir dieses kurzfristige Problem überwinden werden.”

euronews: “Muammar Gaddafi hat sich selbst immer als Mann präsentiert, der Afrika eine führende Rolle in der Welt verschaffen wollte. Als er Präsident der Afrikanischen Union wurde, gab er relativ viel Geld für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung aus. Welche Lektion sollten Afrikas Führer daraus lernen?”

Donald Kaberuka: “Ich weiss nicht, ob Muammar Gaddafi für Afrika gesprochen hat. Das kann nur er sagen. Ich bin nicht sicher, dass er viel Geld für die afrikanische Entwicklung ausgegeben hat. Ich denke, diese Geschichte wurde sehr übertrieben. Und ich denke, dass es wichtig ist, schnell eine Lösung für Libyen zu finden. Denn die Libyer verdienen diese Lösung, und es ist nur gerecht zu sagen, dass diese Lösung bald gefunden werden muss, damit die Libyer ihr Land wieder aufbauen können, das ist das Wichtigste. Was sind die Lehren für andere Führer? Heute, im Zeitalter von Internet und Twitter, wissen die Menschen, was in anderen Teilen der Welt geschieht. Ein allmächtiges Regime zu bleiben wird immer schwieriger.”

euronews: “Die Führer der G-8-Länder haben 20 Milliarden Dollar zur Unterstützung demokratischer Reformen in Tunesien und Ägypten zugesagt. Das meiste davon soll als Bonuszahlung und Schuldenreduzierung bezahlt werden. Braucht man nicht echtes Geld, um diese Demokratien zu unterstützen?”

Donald Kaberuka: “Wir müssen eine Kombination verschiedener Dinge in Nordafrika berücksichtigen. Die Nordafrikaner suchen nicht nach permanenter Hilfe. Sie suchen nach Kredit-Möglichkeiten, Unterstützung für den privaten Sektor, Unterstützung bei den Schulden und natürlich für die Haushalte. Das machen wir jetzt. Meine Sichtweise für ein Ergebnis bei dem G-8-Gipfel ist eine Kombantion dieser Instrumente. Für mich ist wichtig, dass wir alle zusammen arbeiten sollten – mit dem Ziel, den Wandel in Nordafrika zu unterstützen. Es ist gut für Afrika, gut für die arabische Welt und gut für den Norden, den Süden sowie die Mittelmeerregion.”

euronews: “US-Präsident Barack Obama würde gern eine Art “Marshall-Plan” für Afrika auf den Weg bringen. Welche Rolle werden die USA künftig bei der Finanzierung Afrikas spielen?”

Donald Kaberuka: “Die USA sind traditionell einer der Hauptpartner Afrikas. Sie sind der größte nicht-afrikanische Anteilseigner an der Afrikanischen Entwicklungsbank und vieler anderer Institutionen. Natürlich sind wir uns der Herausforderungen bewusst, vor denen Volkwirtschaften wie die USA und die Eurozone stehen.”

euronews: “Was spielt China für eine Rolle in Afrika?”

Donald Kaberuka: “Ich sehe chinesische Investitionen in Afrika sehr positiv. Aber die traditionellen Partner tragen mehr als 70 Prozent des Handels und mehr als 80 Prozent der Hilfen für Afrika. Die Partnerschaft, die wir wollen, ist eine Partnerschaft mit unseren traditionellen Freunden, mit neuen Freunden und innerhalb Afrikas selbst. Wir wollen dazu ermutigen, dass alle drei zusammen arbeiten.”

euronews: “Glauben Sie, dass es an der Zeit für eine neue Strategie Afrikas gegenüber der EU ist?”

Donald Kaberuka: “Als ich vor einiger Zeit wegen des EU-Afrika-Gipfels in Lissabon war, fand ich das Ergebnis gut. Aber als Afrikaner interessiert mich eine neue Dynamik in den Beziehungen zu Europa. Afrika ist Europas nächster Nachbar. Es gibt eine lange Geschichte, aber wir wollen eine Veränderung der Beziehungen; eine Win-Win-Situation wie mit China und anderen. Wie könnten europäische Unternehmen Afrika als Möglichkeit betrachten? Wie können wir zusammen arbeiten, um das Potenzial des Kontinents zu erschließen? Das wäre in diesen Zeiten gut für Europa. Denken Sie an die Folgen für Portugal, Spanien, Italien und Länder an der Mittelmeerküste, wenn der Süden des Mittelmeers eine prosperierende Region wäre.”

euronews: “Bevor es zu gemeinsamen Entwicklungsprojekten kommt, will die EU aber politische Reformen in Afrika…”

Donald Kaberuka: “Es ist nicht an den Europäern politische Reformen in Afrika durchzusetzen, wie es nicht an den Afrikanern ist, politische Reformen in Europa zu machen. Es gibt auch europäische Länder, in denen politische Reformen nötig wären. Was ich sage ist, dass die Afrikaner selbst politische Reformen wollen. Die Revolution in Tunesien fand nicht statt, weil die Europäer dazu aufgefordert hatten. Die Tunesier haben sie gemacht. Einige haben mir gesagt, dass die Europäer nicht besonders hilfreich bei diesem Prozess gewesen seien. Ich denke also, Wechsel stehen auf der Tagesordnung, das ist kein Problem. Keinen Schaden anzurichten, wenn der Wechsel stattfindet, das ist wichtig.”

euronews: “Donald Kaberuka, vielen Dank für dieses Gespräch.”