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Majed Nehmé: "Das syrische Regime stürzt nur, wenn es einen Riss in der Armee gibt"

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Majed Nehmé: "Das syrische Regime stürzt nur, wenn es einen Riss in der Armee gibt"

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Die Syrien-Krise hält die Welt in Atem. Für Euronews hat Samir Benkherfallah mit dem Chefredakteur des französischen Magazins “Afrique Asie”, Majed Nehmé, über die Lage gesprochen.

Euronews:
Mr. Nehmé, wie erklären Sie sich das Schweigen der Internationalen Gemeinschaft angesichts der Vorgänge in Syrien?

Majed Nehmé:
Tatsächlich schweigen weder die Welt, noch die Medien, aber die so genannte Internationale Gemeinschaft kann im Fall Syriens nichts tun. Das syrische Regime wird von Russland und China gedeckt. Das hat Russlands Ministerpräsident deutlich gemacht, als er gesagt hat, man sei in die Falle gegangen, als man im UN-Sicherheitsrat kein Veto gegen die Libyen-Resolution eingelegt habe, Russland betrachte Syrien als strategisch wichtig und eng mit russischen Interessen verbunden; daher wolle man diesen Fehler nicht noch einmal machen. Viele Länder sehen das genau so, etwa Südafrika. Die dortige Regierung sagte ebenfalls, sie werde nicht denselben Fehler machen wie bei der Libyen-Krise.

Die wichtigsten Persönlichkeiten auf der internationalen Bühne haben kein Interesse an einem Sturz des syrischen Regimes. Sie wollen nur, dass das Regime seine Politik ändert, sich stärker vom Iran entfernt. Syrien ist eine wichtige Karte im Spiel und ein wichtiges Land, das indirekt den westlichen Interessen dient, indem es für eine Art Stabilität in der Region sorgt. Aber es sieht so aus, als würde sich dieses Bild nun, nach dem Ausbruch der Unruhen vor mehreren Wochen, tatsächlich verändern.

Euronews:
Welche strategische Bedeutung hat Syrien, wenn die Welt den Sturz des Regimes so sehr fürchtet?

Majed Nehmé:
Das Regime hat auf allen Ebenen mit dem Westen zusammengearbeitet. Nach dem 11. September etwa hat der syrische Geheimdienst beim so genannten Krieg gegen Den Terror eng mit der CIA kooperiert. Auch beim Irak-Krieg gab es eine Zusammenarbeit. Syrien hat in vielen Fällen gemeinsam mit dem Westen agiert. Darum befürwortet auch Israel dieses Regime, denn seit der Unterzeichnung des Vertrags zur Frage der Golanhöhen 1974 gab es keinen einzigen Schuss von syrischer Seite gegen Israel. Das heißt, dass Israel gegen einen Regimewechsel ist, gegen ein neues Regime, dessen Politik man noch nicht kennt. Der Feind, den man kennt, ist besser als der Freund, den man nicht kennt – das ist die Logik hinter dem Schweigen der Internationalen Gemeinschaft. Dazu kommt, dass Syrien nicht Libyen ist, Syrien ist ein strategischer Partner Russlands und Moskau wird gegen alle Resolutionen, die den syrischen Interessen widersprechen, sein Veto einlegen.

Euronews:
Glauben Sie, dass das Regime stürzen wird, wenn die Unruhen anhalten?

Majed Nehmé:
Ich denke, das Regime wird nicht stürzen, solange es keinen Riss innerhalb der syrischen Armee oder den Sicherheitskräften gibt. Syrien wird durch eine lange Periode der Unsicherheit gehen, denn die Lage ist nicht so wie in Tunesien oder Ägypten. Dort haben wir beobachtet, dass das Militär sich gegen die Sicherheitskräfte stellte, und in Tunesien stellte es sich sogar gegen den Präsidenten. Solche Szenarien gibt es derzeit in Syrien nicht. Aber wenn so etwas passiert, wird das Regime sehr schnell stürzen.