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Chronik der Grabenkämpfe im Iran - von Bessessenen und dem Guru

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Chronik der Grabenkämpfe im Iran - von Bessessenen und dem Guru

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Seit Beginn des Jahres 2011 liefern sich die Regierenden im Iran einen bisher nie dagewesenen Machtkampf, und dieser Konflikt deutet auf entscheidende Veränderungen in den kommenden Monaten hin. Die Kontrahenten dieser Grabenkämpfe sind auf der einen Seite die Anhänger von Präsident Mahmud Ahmadinedschad und auf der anderen Seite die des geistlichen Oberhaupts Ajatollah Ali Chamenei – also: die Ultrakonservativen gegen die in den Koranschulen von Qom ausgebildetenTraditionalisten.

Die Rede ist von Komplott und vom Einfluss ausländischer Mächte. Und den Beobachter im Ausland erstaunt eine ungewohnte Form der Rhetorik: da geht es um Vorwürfe aller Art, auch um die Bessessenen und den Guru. Das Bündnis, das Ahmadinedschad und Chamenei zur Niederschlagung der Reformbewegung 2009 eingegangen waren, gibt es nicht mehr.

Der Konflikt verschärft sich, als der Stabschef und enge Berater des Präsidenten Esfandiar Rahim Mashai den Antrag auf die Gründung von sieben politischen Parteien und zwei politischen Tageszeitungen (Tamasha et 7Sobh) stellt. Seine Gegner meinen, Mashai bereite damit die Kampagne für die Präsidentschaftswahlen 2012 vor.
Schon seit etwa einem Jahr hatten die Anhänger von Ajatollah Ali Chamenei den Stabschef, dessen Tochter mit einem Sohn Ahmadinedschads verheiratet ist, im Visier, sie beschuldigen ihn, gegen die religösen Führer zu agieren. Doch schließlich kommen sie offenbar zu der Überzeugung, der Kreis um Ahmadinedschad bestehend aus Mashai, Baghai, Rahimi, Djavanfekr und Behdad müsse aus dem Weg geschafft werden. Und zwar weil sie verdächtigt werden, bei der Wahl eigene Kandidaten gegen die der konservativen Mehrheit Chameneis aufstellen zu wollen.

Mehrere bekannte Persönlichkeiten verteidigen Mashai öffentlich gegen diese Angriffe, darunter Mohammad Djafar Behdad, ein wichtiges Mitglied der Regierung. Er unterstützt Mashai, indem er sich für die Gründung neuer Parteien ausspricht.

Wenige Wochen später erklärt sich Abbas Amiri, ein Imam und offizielle Freitagsprediger, mit den Ambitionen des Clans um den Präsidenten einverstanden. Er sagt am 20. April, die Regierung und Ahmadinedschad nahestehende Politiker wie Mashai seien dabei, sich legal auf die Präsidentschaftswahlen vorzubereiten, um die Traditionalisten zu schlagen. Wenige Tage später wird Amiri festgenommen, zwei Monate später sitzt er noch immer im Gefängnis.

Auf der Seite des obersten Geistlichen und Revolutionsführer Chamenei wird ein kleines Team gebildet, das die Vorbereitung der Wahlen überwachen soll. Doch diese wenigen Personen haben trotz ihres Einflusses auf die Medien Mühe, mit der von Ahmadinedschad gestarteten Kampagne mitzuhalten.

Am 10. April 2011 kommt es zum Eklat, als der Präsident seinen Informationsminister Heidar Moslehi – einen Schützling Chameneis – entlassen will. Angeblich hat Moslehi den Präsidentenpalast abhören lassen, um die Gespräche zwischen Ahmadinedschad und dessen rechter Hand, Stabschef Mashai, zu überwachen.

Anders als die Entlassung mehrerer Minister, die während der siebenjährigen Amtszeits Ahmadinedschads ihre Posten abgeben mussten, ist der Rauswurf eines engen Vertrauten des Obersten Geistlichen eine heikle Angelegenheit. Chamenei widersetzt sich, er legt sein Veto ein, und Moslehi behält sein Ministeramt. Demonstrativ zieht sich der Präsident Ende April 10 Tage lang aus dem öffentlichen Leben zurück, manche sprechen von einem Streik Ahmadinedschads. Die iranische Presse erkennt den Ernst der Lage.
Am 5. Mai startet der Vertreter Chameneis im Rat der Revolutionswächter auf der Internet-Seite Khabaronline einen Gegenangriff: Mashai habe die ganze Abhörgeschichte erfunden, der Stabschef habe zuviel Einfluss auf den Präsidenten, er stehe an der Spitze einer Gruppe, die von den wahren Werten ablenke.

Nach Ahmadinedschads Ansicht ist seine rechte Hand Mashai hochintelligent, so intelligent, dass ihn niemand wirklich verstehen kann. Angeblich soll der Präsident hinter verschlossenen Türen gesagt haben, Mashai sei der Vertreter Gottes auf der Erde.

Tatsächlich häufen sich die Gerüchte um Mashai, er unterhalte Kontakte mit “Bessessenen” und mit “Dämonen”. Die vom Clan Chameneis kontrollierten Medien attackieren den Stabschef jetzt ganz direkt und versuchen so, den Präsidenten zu schwächen. Bis vor kurzem galt Ahmadineschad als spiritueller Sohn des geistlichen Oberhaupts. Beim einfachen Volk ist der Präsident weiterhin recht beliebt. Und es ist kein leichtes Unterfangen, jetzt umzuschwenken und Ahmadinedschad von heute auf morgen die Unterstützung zu entziehen – selbst für einen Revolutionsführer ist das nicht leicht.

Zudem gibt es Vorwürfe gegen Mashai, er stehe in Kontakt mit einem zoroastrischen Guru, der in Indien lebe und 400 Jahre alt sei. Dieser Guru bestimme sein Denken – und Mashai sei seit 2009 mindestens 64 Mal nach Indien gereist.

Die dem Wächterrat nahestehende Agentur DINA schreibt Anfang 2011, der von Mashai konsultierte Guru sehe für die einflussreichen Persönlichkeiten die Zukunft voraus. So habe er vorausgesagt, dass der von Chameinei ernannte Direktor der Zeiung Keyhan Hossein Shariatmadari an Alzheimer sterben werde.

Zunächst versucht Mashai, sich zu verteidigen, indem er das Alter des Gurus bezweifelt, dann erklärt er, den Guru gebe es gar nicht…

Das umstrittenste Mitglied von Ahmadinedschads Regierung soll auch die Islamisierung der iranischen Gesellschaft in Frage gestellt haben. In einer 2004 gehaltenen Rede – die ganz plötzlich wieder auf YouTube aufgetaucht ist – erklärt Mashai: “die Epoche des Islam ist ihrem Ende nah. Das bedeutet nicht das Ende des Islam, aber es bedeutet, dass sein Nutzen für die Gesellschaft beendet ist.”

Diese Äußerungen und seine vermeintlichen Beziehungen mit dem Jenseits könnten Mashai teuer teuer zu stehen kommen. Seit Beginn der Grabenkämpfe sind fünf ihm nahestehende Internet-Seiten gesperrt worden. Und 25 dem Prâsidenten nahestehende Personen sind festgenommen worden.

Die von Anhängern des Ajatollah Chamenei beherrschte Nachrichtenagentur MEHR meldet dazu: “unter diesen 25 Personen sollen sich Bessessene, Magier und Wahrsager befinden”. Und ein Wahrsager wird festgenommen: Abbas Ghafari. Er wird per Dekret zum Tode verurteilt.

Die Zeitung Djavan, die die Position der Revolutionswächter vertritt, schreibt, Mashai habe den Wahrsager mehrmals konsultiert, um die Zukunft und die Aussichten für die Regierung zu erkunden; Wahrsager aller Art seien es, die fast alle Entscheidungen für die Regierung fällten. Die Internetseite Shafafnews schreibt, Ghafari habe sein eigenes Büro im Präsidentenpalast. Und schlimmer als alles andere, er sei ein “Agent des Zionismus”. Shafasnews wird sogar noch deutlicher: “Abbas Ghafari ist zwar Muslim, aber er trägt eine Kette mit Davidsternen.” Wegen dieser und ähnlicher Vorwürfe sind die meisten Gegner der Islamischen Republik, aber auch Menschenrechtler zum Tode verurteilt worden.