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Lebensmittelpreise - "Wir sind alle ein wenig Spekulanten"

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Lebensmittelpreise - "Wir sind alle ein wenig Spekulanten"

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Seit dem ersten Tag des G20-Agrargipfels in Paris haben Globalisierungsgegner ihren Ärger gegen die Spekulation auf den Nahrungsmittelmärkten herausgeschrien. Ihr Slogan: “Keine Finanzen auf unseren Tellern”. Ihrer Meinung nach ist die Spekulation die Hauptursache für die Schwankungen bei den Preisen für landwirtschaftliche Produkte.

Das gleiche Echo ist bei den Regierungsdelagtionen der G20-Staaten zu hören. Sie wollen die Spekulation kontrollieren, das heißt: bremsen. Dazu der Gastgeber, Frankreichs Agrarminister Bruno Le Maire: Staatspräsident Sarkozy habe schon mehrfach darauf hingewiesen, daß die Spekulation auf den Agrarmärkten absolut inakzeptabel sei, denn sie sei eine Spekulation auf den Hunger in der Welt. Wenn etwa Finanzinvestoren eine große Menge Kakaobohnen kauften, nur um sie zum geeigneten Moment mit einem Gewinn wieder zu verkaufen, dann sei das nicht zu akzeptieren.

Wie hoch ist auf den Märkten der Anteil der Spekulation an den Agrarpreisen? Gibt es tatsächlich Preisschwankungen, deren Ursache die Spekulation wäre? Wir wollen diese Fragen Professor Philippe Chalmin von der Universität Paris-Dauphine stellen, ein Experten auf dem Gebiet der Agrarmärkte. Für diesen Wirtschaftshistoriker sind wir alle ein wenig Spekulanten – ohne es zu wissen.

Philippe Chalmin: “Von dem Moment an, wo ein Preis instabil ist, jeder Akteur, ob Produzent, Verbraucher oder Händler muss sich Gedanken machen, wie sich der Preis morgen entwickelt, er ist also per Definition ein Spekulant. Dann gibt es eine zweite Ebene, die Finanzspekulation. Dort befinden sich Leute, die mit der Entwicklung des Marktes spielen – ich meine wirklich spielen, ohne die materielle Verpflichtung zu haben, eine Lieferung eines Produkts entgegenzunehmen oder zu liefern.”

“Ich denke an alle die Finanzakteure, die auf den Märkten spielen – und jeder unserer Zuschauer ist durch Rentenkassen und Versicherungsgesellschaften, deren Beiträge er zahlt, ein ganz kleines bißchen selbst Spekulant.”

“Wir müssen uns darüber klarmachen, dass wir uns hier auf Märkten bewegen, wo der materielle Austausch immer im Recht ist. Und die Erfahrung zeigt, dass auf vielen Märkten, auf denen es keine Finanzspekulation gibt, Preisschwankungen und Instabilität ebenso groß sind. Es gibt keine Finanzspekulation etwa auf dem Markt für Reis, anders als auf dem Markt für Getreide. Die Schwankungen bei Reis waren 2008 aber viel größer als bei Getreide.”

“Wenn ein Preis steigt, gibt es keinen Grund, nach dem Ende der Spekulation zu rufen. Stattdessen sollte man sich fragen, welche Botschaft der Markt aussendet. Wenn also die Agrarpreise so sehr steigen, sagt uns der Markt: Die Welt hat Hunger…”