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Wolfgang Ischinger: "Deutsche Sicherheit endet nicht mehr an deutschen Außengrenzen."

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Wolfgang Ischinger: "Deutsche Sicherheit endet nicht mehr an deutschen Außengrenzen."

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In Deutschland geht eine Ära zuende – nach mehr als 50 Jahren ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Die Bundeswehr soll um rund ein Viertel kleiner werden.

Wolfgang Ischinger ist Diplomat und trifft als Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz regelmäßig die Entscheidungsträger aus NATO und EU, aber auch Russen, Chinesen, Japaner und Inder kommen regelmäßig.

Sigrid Ulrich, euronews

Herr Ischinger – ist das jetzt die Friedensdividende, die man uns nach dem Ende des Kalten Krieges versprochen hat ?

Wolfgang Ischinger

Also ich bin nicht so glücklich mit dem Begriff der Friedensdividende. Das klingt ja so, als hätte man einmal etwas einbezahlt und will jetzt wieder etwas dafür zurück haben. Die Welt hat sich dramatisch verändert in den letzten Jahren. Deutsche Sicherheit endet nicht mehr und lässt sich nicht definieren an den deutschen Außengrenzen. Wir leben in einer Welt, in der Bedrohungen, Risiken von weit entfernten Plätzen auf unsere europäische Region, auf unser Land einwirken. Darauf muss sich auch die Bundeswehr einstellen und deswegen glaube ich, ist das eine richtige Entscheidung, die getroffen wurde, die Bundeswehr zu einer Berufsarmee zu machen.

euronews

Was bedeutet das denn für die deutsche Gesellschaft – einen Abschied von guten wie üblen Traditionen ?

Wolfgang Ischinger

Es gab lange im deutschen Denken das Gefühl, dass es wichtig ist, die Streitkräfte so fest in die zivile Gesellschaft zu integrieren, dass nicht mehr der Effekt eintreten kann, der uns in der Zeit der Weimarer Republik, der Nazizeit belastet hat – nämlich eine sich verselbständigende politische Klasse. Ich denke, von dieser Gefahr redet heute keiner mehr, die gibt es nicht mehr.

euronews

Man spricht ja eher vom Gegenteil. In Deutschland sind Kriege sehr unpopulär – Beispiel Irak, Libyen – wie kann man denn da genug neue Berufs-Soldaten werben ?

Wolfgang Ischinger

Ich denke, das ist eine Aufgabe der politischen Führung: Der deutschen Bevölkerung den Gedanken nahe zu bringen, dass es unserer Sicherheit nicht hilft, wenn wir wegschauen. Das bedeutet nicht, dass deutsche Soldaten überall in der Welt, wo es brennt, eingreifen müssen. Das bedeutet, dass wir dort, wo unsere Sicherheit gefährdet erscheint, eingreifen können, wenn wir müssen.

euronews

Was bedeutet denn jetzt “unsere Sicherheit” ? Ist das die deutsche Sicherheit oder muss man die weiter fassen ? Hat die deutsche Entscheidung Signalcharakter für Europa – oder ist sie schon eine Reaktion auf ganz neuartige Konflikte?

Wolfgang Ischinger

Eine Berufsarmee ist eher europafähig als die klassische Freiwilligen-Armee. Ich denke, insoweit macht sich Deutschland durch diese Umstellung auch noch stärker fit für Europa. Und deutsche Sicherheit ist Teil der europäischen Sicherheit. Und je mehr wir hier in europäischen Kategorien denken, desto richtiger liegen wir.

euronews

Es gab ja schon einmal einen Versuch einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft. Daraus wurde nichts. Wie sieht denn Ihr persönliches Militärszenario in weiteren 20 Jahren aus ? 20 Jahre ist jetzt der Kalte Krieg zuende.

Wolfgang Ischinger

Mein Szenario, meine Vision eine ganz klare: Warum braucht eigentlich jeder europäische Mitgliedsstaat seine eigene kleine Luftwaffe? Kann man hier nicht durch Zusammenlegen, durch Synergieeffekte Geld sparen und zugleich mehr Effektivität schaffen? Das ist ein großes Gebiet, auf dem erst kleine Anfänge gemacht worden sind. Hier sehe ich unsere Zukunft: In mehr Europa, nicht weniger Europa.