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Prodi: Europa braucht in der Krise mehr Einigkeit

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Prodi: Europa braucht in der Krise mehr Einigkeit

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Der frühere italienische Regierungschef und EU-Kommissionspräsident im Gespräch.

euronews: Lassen Sie uns zunächst über die Eurokrise reden. Die Europäische Zentralbank befürchtet ein Überspringen auf Länder wie Italien. Ist das für den Euro der Anfang vom Ende?

Prodi: Ganz sicher nein: Keiner will, dass der Euro verschwindet; am wenigsten die Deutschen.

euronews: Wenn Deutschland daran kein Interesse hat: Was meinen Sie damit?

Prodi: Seit es den Euro gibt, profitiert Deutschland von einem spektakulären wirtschaftlichen Gleichgewicht. Es kann auf lange Sicht seine Wirtschaft entwickeln, ohne Hindernisse wie zuvor. Die Deutschen wissen sehr wohl, dass das für sie die Katastrophe wäre.

euronews: Was würden Sie Europa vorwerfen?

Prodi: Es ist immer derselbe Vorwurf: Keine

Einigkeit und kein Verständnis dafür, dass die Geschichte ein starkes und einiges Europa verlangt.

Unsere gesamtwirtschaftlichen Daten sind unendlich viel besser als die Amerikas: Aber die Amerikaner stehen nicht unter Beschuss, wir schon. Warum? Weil wir uneins sind.

euronews: Es geht auch um die Entscheidungen der amerikanischen Ratingagenturen – der gleichen Agenturen, die in Fällen wie der Lehman-Bank 2008 keinen Alarm ausgelöst hatten.

Jetzt stufen sie in aller Ruhe die Wirtschaft der europäischen Länder herab. Wie kann man ihren Einfluss auf die Märkte begrenzen, und was halten Sie vom deutschen Vorschlag einer europäischen Agentur?

Prodi: Ich hätte unter den Ratingagenturen gerne mehr Wettbewerb; eine europäische Agentur wäre daher viel besser. Es wird keine offizielle Agentur sein, weil sie dann keine Autorität hätte.

Aber egal, ob eine europäische Agentur Europa bewertet, eine chinesische oder eine indische: Es wäre viel besser, weil sich die amerikanischen Agenturen nach politischen Interessen richten – oder

ganz einfach nach politischen Stimmungen.

euronews: Mit seinem Sparpaket will Italien einen ausgeglichenen Haushalt bis 2014 erreichen. Halten Sie das für möglich?

Prodi: Möglich ist es. Aber ich hätte es schon ab diesem Jahr entschlossener angepackt. Die schwersten Maßnahmen bis 2013-14 aufzuschieben, ist zwar möglich, aber kein Beweis für politische Klugheit. Die internationalen Märkte hat es jedenfalls nicht beruhigt.

euronews: Reicht das Sparpaket aus, um Italiens Wirtschaft wieder in Gang zu bringen?

Prodi: Das geht nicht auf die Schnelle, wenn keine Strukturen überholt werden: Und das gehört zum Sparpaket nicht dazu. Das Sparpaket bedeutet, dass

die Feuerwehr den Brand gelöscht hat. Ein neues Haus zu bauen, dauert aber länger. Ich würde mir wünschen, dass Italien eine stärkere Politik hätte.

euronews: Vielen Dank, Romano Prodi.