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Griechenlands Kulturrevolution

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Griechenlands Kulturrevolution

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Willkommen bei Close-up Europe. Wie so vieles in der Geschichte startete auch die Euro-Schuldenkrise in Griechenland. Das Land ist pleite und auf Unterstützung von außen angewiesen, das ist mittlerweile jedem klar. Über die Rettung wird seit mehr als einem Jahr verhandelt. Doch darüber hinaus steht Griechenland eine tiefgreifende Reform seiner Gesellschaft bevor, die praktisch einer Kulturrevolution gleicht. Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft, dazu ein überdimensionierter Staatsapparat – all das muss verschwinden. Ansonsten bleibt die Rückkehr zu wirtschaftlichem Wachstum eine Illusion. Es bleibt abzuwarten, ob das Land mit seiner mediterranen Mentalität dazu in der Lage ist.

Griechenland in der Krise
 
In Athen streiken mal wieder die Taxifahrer.
Aus dem gleichen Grund wie schon vor Monaten:
Als Gegenleistung für finanzielle Hilfe verlangen die Geldgeber mehr Wettbewerb. Monopole, wie im Taxigewerbe, sollen fallen. 
Ob ihr lautstarker Protest den derzeitigen Lizenzinhaber nützen wird, darf angezweifelt werden. Mehr Konkurrenz werden sie kaum vermeiden können. Die Schulden des Staates drücken allzusehr. Griechenland hat wesentlich mehr Schulden als in einem Jahr insgesamt an Werten im Land geschaffen wird!!!
Um die Schulden abzubauen, sucht die Regierung verzweifelt nach Einnahmequellen. Durch Privatisierung u.a. von Bereichen der Infrastruktur sollen bis 2015 50 Milliarden Euro hereinkommen.
Aber das wird nicht reichen, betont Finanzminister Evangelos Venizelos: ” Wir sind zu Privatisierungsprogrammen bereit”, sagt er. “Aber wir brauchen reale Hilfe von unseren Partnern. Ohne Hilfe können wir unser Ziel nicht erreichen. Wir brauchen nicht nur Zahlen sondern reale Resultate.”
 
Mit wirtschaften auf die altbekannte Weise wird es nicht gelingen, Schulden abzubauen und wieder zu einem normalen Marktteilnehmer zu werden.
Ohne hartes Sparen wird es nicht gehen.
Und das trifft ganz sicher Angestellte im öffentlichen Dienst, denn der soll abspecken.
Dabei haben die Angestellten der Arbeitsagentur schon jetzt keine Jobs mehr anzubieten.
Der Internationale Währungsfond sagt für 2011 einen weiteren Rückgang des BIP um 3,8% voraus.
Folglich wird die Arbeitslosigkeit weiter steigen, die schon jetzt bei jungen Leuten bis 24 42% beträgt.
Die Preise sind in den vergangenen zwei Jahren um 7,9% gestiegen – mehr als dreimal so schnell wie die Löhne. Ein Capucchino ist heute in Athen schon ebenso teuer wie in Paris. Gar nicht gut für den Tourismus!!! Der steuert normalerweise 16% zum griechischen Brutto-Inlands-Produkt bei.
Aber nur, wenn wenigsten 15 Millionen Gäste kommen. Traditionell stellten die Deutschen mit 14% und die Briten mit 12% den größten Anteil.
Gehen aber Bilder von Streiks etwa bei den Fähren durch die Medien, dann bleiben die Gäste weg.
 

Katseli: “Es gibt Wut, Frust und Hoffnung”
 
euronews: In Athen sind wir jetzt mit Louka Katseli verbunden, Arbeitsministerin der Papandreou-Regierung bis letzten Monat, davor Wirtschaftsministerin 2009 und 2010. Frau Katseli, Sie sind in den USA ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin und politische Vertraute Papandreous, glauben Sie immer noch an den Euro und die Eurozone?
 
Katseli: Absolut. Aber natürlich hängt alles davon ab, ob die europäischen Politiker ihre Bereitschaft zeigen, die Eurozone zu unterstützen – und zwar heute, morgen und übermorgen. Es geht um angemessene Maßnahmen, um finanzielle Stabilität und Nachhaltigkeit in der Eurozone zu schaffen.
 
 
euronews: Die Unruhen in den Straßen einmal beiseite gelassen, wie hat die Krise die griechische Gesellschaft verändert? Gibt es so ein Gefühl von Verantwortung und Ärmelhochkrempeln oder eher eine Wut auf die politische Klasse?
 
Katseli: Es gibt von beidem etwas. In einer Krise von solchem nie gekannten Ausmaß sind die Menschen wütend, Familienbudgets werden gestrichen, und viele Menschen sehen ihr Leben an einem Wendepunkt. Die Kaufkraft sinkt, und die Arbeitslosigkeit steigt. Es gibt also Wut und Frust, aber auch die Hoffnung, daß wir alles tun können, damit es wieder weiter geht und das Land aus diesem Schlamassel herauskommt.  
 
 
euronews: Zu den Bedingungen der internationalen Geldgeber gehören ein hartes Sparpaket und Strukturreformen. Die Regierung hat eine Liste erstellt mit Staatsbesitz, der jetzt privatisiert werden soll. Wie berührt das den nationalen Stolz der Bürger? Wir reden hier von Infrastruktur, Immobilien und sogar Inseln…
 
Katseli: Das Thema Privatisierungen ist nicht neu, und Strukturreformen gehen weit über Privatisierungen hinaus. Aber Privatisierungen sind entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Es besteht kein Zweifel daran, daß die meisten Griechen ein vernünftiges und glaubwürdiges Privatisierungsprogramm befürworten, vor allem in Bereichen, die nicht unbedingt staatlich sein müssen. Aber dazu braucht es Transparenz, Verantwortlichkeit und die Gewißheit, daß staatlicher Besitz zu Marktpreisen und in einem vernünftigen Zeitrahmen verkauft wird.
 
 
euronews: Griechenland ist nicht nur pleite, sondern auch nicht wettbewerbsfähig. Um das zu ändern, sind viele Jahre einschneidender Reformen nötig. Ist das Land dazu bereit?
 
Katseli: Das Land ist zu allem bereit, was die Wettbewerbsfähigkeit verbessert, Arbeitsplätze schafft und Wachstum ermöglicht. Und dazu brauchen wir europäische Unterstützung, denn wir können unsere Schulden nicht allein managen. Wir brauchen eine europäische Lösung für die Schuldenkrise. Die Lasten müssen gerecht verteilt werden und anschließend muß es eine Änderung der Politik geben, so wie sich die Lage verbessert, Noch einmal: Die Lasten müssen gerecht auf alle Gruppe verteilt werden; außerdem muß Steuerhinterziehung bekämpft und das Investitionsklima verbessert werden.