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Italien muss gesund bleiben, sonst...

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Italien muss gesund bleiben, sonst...

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In der Euro-Schuldenkrise gibt es seit kurzem einen neuen Akteur: Italien. Das Land tauchte ganz plötzlich auf dem Radarschirm der Bondmärkte auf. Für viele Experten kommt das allerdings nicht überraschend, denn Italiens Schulden sind chronisch. Zur Zeit liegen diese bei 1840 Milliarden Euro.
 
Überraschend ist schon eher, dass die Regierung nahezu blitzartig reagierte und ein hartes Sparpaket auf den Weg brachte. Da gab es sogar Applaus von Angela Merkel. Und auch die Kapitalmärkte beruhigten sich wieder.
 
Doch das Problem ist damit noch nicht vom Tisch. In der nächsten Woche muss Italien Anleihen über zehn Milliarden Euro platzieren. Steigen die Renditen dann zu hoch, müssen sich die Spitzen der Eurozone ganz warm anziehen.

Italien als Problem zu groß für die Eurozone


 
Italien ist für die Eurozone ein wirkliches Problem.
 
Es ist zu groß, als dass man es pleite gehen lassen könnte – und gleichzeitig zu groß, um geretttet zu werden. Nicht gerade verlockende Aussichten. Das sahen die Kapitalmärkte auch so, denn die Renditen auf italienische Schuldtitel kletterten auf den höchsten Stand seit Jahren.
 
Der Chef des Handelsverbands mahnte dringend vertrauensbildende Maßnahmen bei der Bevölkerung an. Auch müssten Regierung und Parlament die Wirtschaft ankurbeln, und zwar rasch.
 
Eile scheint geboten. Das Bruttoinlandsprodukt klettert im laufenden Jahr gerade mal über die Ein-Prozent-Marke. Und auch im nächsten Jahr wird es kaum besser. Die Verschuldung liegt bei atemraubenden 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
 
2012 gibt es allenfalls eine kosmetische Verbesserung. Rein zahlenmäßig machen die italienischen Verbindlichkeiten übrigens ein Viertel der Gesamtschulden der Eurozone aus. Italiens Anleihen sind im Besitz von Banken und Versicherungen aus ganz Europa.
 
Die Mailänder Börse reagierte vorübergehend mit großer Nervosität. Zwar glaubt niemand so recht an einen Absturz Italiens, doch dieses Gespenst hat sich zumindest schon einmal gezeigt.
 
“Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem eine Ansteckung durchaus real ist”, meint ein US-Analyst. “Die Märkte beobachten jetzt Italien sehr genau. Das könnte auch den Euro unter Druck setzen.”
 
Die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls Italiens ist indes gering. Die Fälligkeitsdaten des größten Anteils der italienischen Staatsschulden sind noch Jahre entfernt. Da würde selbst ein starkes Ansteigen der Renditen keinen kurzfristigen Effekt haben. Und schließlich: Italiens Banken sind gesünder als sie aussehen.
 
Wir wollen mit Professor Alberto Alesina von der Harvard University in den USA die Italien betreffende Krise analysieren.

Sie haben jüngst gesagt, Italien sei zu groß, um bankrott zu gehen, aber auch zu groß, um gerettet zu werden. Und wenn Italien die Krise nicht überwinde, stehe dem Euro eine harte Zeit bevor.

Wie sehen Sie die italienische Wirtschaft? Besteht das Risiko, dass das Land seine Pflichten nicht erfüllt?

Alberto Alesina:
Nein, ich denke, da besteht kein unmittelbares Risiko, sicherlich nicht.
Aber ich denke, dass Italiens Wirtschaft eine starke Reformwelle braucht, um wieder zu wachsen..
Wenn nicht, werden die Schulden über Jahre hin wachsen, und wir riskieren, dass diese Krise bleibt und in den nächsten Monaten und Jahren eine neue kommt.

euronews:
Wenn Sie sich nun das eben von der Berlusconi-Regierung verabschiedete Haushalts-Gesetz ansehen: Wird es ausreichen für einen Neustart angesichts der hohen Verschuldung?

Alberto Alesina:
Für einen Neustart des Landes reicht es definitiv nicht, weil es zu wenig Strukturreformen einschließt, die Wachstum erleichtern. Wenn man über den Haushalt spricht, besteht das größte Problem darin, dass der Plan zu weit nach vorn orientiert, in die Jahre 2013/14. Das ist ein Problem, weil es den Märkten ein Verzögerungssignal sendet.
Außerdem haben wir 2013 in Italien Parlamentswahlen mit ungewissem Ausgang. Niemand weiß, wer diese Wahlen gewinnen wird. Darum ist es auch ungewiß, ob oder wie dieser Haushaltsplan von der kommenden Regierung umgesetzt wird. Die kann sich politisch sehr von der gegenwärtigen unterscheiden.
Der dritte Schwachpunkt ist die Unausgeglichenheit: Zu viel Steuern und nicht genug Kostenreduzierung.

euronews:
Nach dem letzten “schwarzen Montag” an der Mailänder Börse, haben die Märkte leichte Erholung signalisiert. Haben die Finanzmärkte den Plan von Minister Tremonti zurückgewiesen?

Alberto Alesina:
Die Unsicherheit ist in diesen Tagen so stark, dass es sehr schwer ist, zu sagen, was die Märkte sagen wollen.
Ich glaube, aus den eben dargelegten Gründen wirkt dieser Plan auf die Märkte nicht gerade anregend.
Die Bessessenheit von Spekulanten und Rating Agenturen hat Strukturprobleme in verschiedenen Ländern verschleiert.
Ein Beispiel: Die Spekulanten scheinen nicht die deutschen Märkte anzugreifen, sondern sie konzentrieren sich auf andere Länder mit ernsteren Problemen.

euronews:
In welcher Weise unterscheiden sich die Kriseneffekte in Italien von jenen in Griechenland, Spanien oder Portugal?

Alberto Alesina:
Italien leidet an anderen Problemen als Spanien, Portugal oder Griechenland. An einer stagnierenden Wirtschaft, die seit 15 Jahren nicht gewachsen ist, an öffentlicher Verschuldung, die schon vor der Krise hoch war und mit der Krise noch gewachsen ist. Es ist eine Wirtschaft ohne Wachstum.

euronews:
Vielen Dank, Herr Professor, für Ihre Erklärungen